Im August: Selbstbewegung gegen Drei Grad Plus

Im Moment dreht sich alles darum, ob nun Kohle, Atom oder Einsparungen das fehlende Gas ersetzen sollen. Das stimmt angesichts der klimatischen Lage der Welt nicht gerade optimistisch. Immerhin scheinen die verheerenden Waldbrände, Trockenheiten etc. zumindest anderswo langsam so etwas wie Erkenntnis reifen zu lassen, so kann man jedenfalls hier nachlesen. Und ob diesen Erkenntnissen Taten folgen, steht noch lange nicht fest. Bekanntlich schert die meisten ihr Gewäsch von gestern eher nicht so viel.

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Zusätzlich zu den Hiobsbotschaften noch zwei Rezensionen. Das erste ist einer der vielen Weckrufe, die hoffen, die Menschheit doch noch zu schnellem Handeln zu bewegen. Herausgeber Klaus Wiegandt vom Forum für Verantwortung hat namhafte Klimaforscher zusammengeholt und schon zwei Anläufe unternommen, die im Buch enthaltenen Fakten und Ideen einer breiten Öffentlichkeit zugänglicher zu machen. Doch einmal kam Corona dazwischen, und nun der Ukraine-Krieg, der die Medien dominiert und wahrscheinlich derzeit auch das Denken der meisten Menschen. Wenn sie nicht gerade über die wahrscheinlich klimawandelbedingte Trockenheit sinnieren, die derzeit die Ernten verwüstet und Gewässer austrocknen lässt.

Was steht nun in „3 Grad mehr“, das sich übrigens zum Spiegel-Bestseller entwickelte. (Leider erfährt man nicht, welche Verkaufszahlen hinter dieser Bezeichnung stehen.) Jedenfalls: Die Autoren legen dar, was es für uns und für den Rest der Welt bedeutet, wenn wir ungebremst auf dem aktuellen Pfad fortschreiten. Sie legen dabei die Schlussfolgerungen des aktuellen Berichts des Weltklimarates zugrunde und verknüpfen zudem Klimafolgen und Artensterben zur Perspektive eines perfekten GAU für die Biosphäre, uns eingeschlossen. Dabei sehen sich die Autoren auch die Folgen für Deutschland und die Weltwirtschaft an. Und weisen darauf hin, dass sich die Kosten des Kampfes gegen und der Anpassung an den Klimawandel gegenüber dem Stern-Report Anfang des Jahrtausends schon erheblich erhöht haben. Jüngste Schätzungen liefert Deloitte in einem aktuellen Report. Die Zahlen sind so groß, dass ich sie kaum noch begreife.

Nach diesem ersten, rund 120 Seiten langen Teil folgt der zweite, etwas längere (immerhin) der sich mit möglichen Lösungen der Klima- und Artenschutz-Herausforderung befasst. Soviel vorweg: Mit sehr guten Argumenten legen die Autoren dar, dass weder Digital- noch Erneuerbaren-Technik allein reichen wird, uns auf eine nachhaltige Entwicklungslinie zu bringen. Natürlich braucht man sie auch, das ist eben nicht genug. Schon allein deswegen, weil möglicherweise die Rohstoffe nicht reichen, um die ganze Welt auf megawattstarke Windturbinen mit Tonnen an verbautem Stahl und Beton oder Photovoltaik umzustellen. Vielmehr seien, so die Autoren, neben Technologie sogenannte biobasierte Lösungen notwendig.

Was ist unter biobasierten Lösungen zu verstehen? Lösungen, die an der Natur ansetzen und ihr helfen sollen, ihre für uns überlebenswichtigen Funktionen weiter zu erfüllen. In allererster Linie ein sofortiger Stopp der Waldvernichtung überall, besonders in den Tropen, und den Artenschutz berücksichtigende Formen der Aufforstung, und zwar nicht mit Palmölplantagen, dort und anderswo. Machen wir das nicht, emittiert der Wald in Zukunft Kohlendioxid, statt es zu speichern. Das mit der Zeit gewonnene Holz (denn Nutzung soll es selbstverständlich geben, nur anders) soll in langlebige, moderne Gebäude, Möbel und andere Gebrauchsgegenstände aus Holz eingebaut werden, um das darin enthaltene Kohlendioxid so der Atmosphäre zu entziehen.  Zweitens brauche man schnellstens eine Wiedervernässung aller Moorflächen, wobei diese dann massiv Kohlenstoff binden, aber dann mit speziellen landwirtschaftlichen Praktiken, sogenannten Paludikulturen, auch nass bewirtschaftet werden können. Drittens sollen alle Möglichkeiten, den Boden ohne synthetischen Dünger zu verbessern, ergriffen werden. Als besonders sinnvollen Ansatz betrachten die Autoren Pflanzenkohle, also Terra Preta. Schließlich müsse alles getan werden, um terrestrische Wasserkreisläufe zu stärken. In den Beiträgen zu den einzelnen Techniken finden sich auch vielversprechende bereits existierende Umsetzungsansätze, neue Gremien, Pakts, Forschungsprojekte und Verfahren, von denen die breite Bevölkerung sonst eher wenig mitbekommen dürfte.

Der dritte Teil des Buchs, er ist vergleichsweise kurz, befasst sich damit, wie man endlich zur Umsetzung solcher Ideen kommen kann. Es weist auf die Verantwortung der Zivilbevölkerung hin: Politik sei im demokratischen System nur dann handlungsfähig, wenn die Bürgerschaft Handeln einfordert, und dazu müsse man ihr die Dimensionen und Konsequenzen der Bedrohungen durch den Klimawandel nahebringen. Was der Herausgeber ja schon versucht hat, aber an den Aktualitäten bislang scheiterte. Und das, obwohl das Geld für eine breite Kampagne inzwischen vorhanden ist. Nun ist aber die Aufmerksamkeit seiner Partner weg. Wegen Ukraine, siehe oben. Dafür wird der Klimawandel schlimmer, und vielleicht sorgt ja das für den nötigen Aufwach-Moment.

Schließlich liefert das Buch Finanzierungsvorschläge. Denn zahlen wird viel von der notwendigen biobasierten Transformation aus historischer Verantwortung, aber auch einfach, weil in Afrika und vielen tropischen Ländern in Asien nicht genügend Geld ist, der Westen respektive die Industrieländer. Und hier diejenigen, die in den letzten Jahrzehnten Gelegenheit hatten, Vermögen aufzuhäufen, nicht Otto Normalverbraucher. Zu den Aufbringungsmethoden gehören insbesondere eine kleine Finanztransaktionssteuer, die es inzwischen in einigen Ländern bereits gibt, und eine modifizierte Erbschaftssteuer zusammen mit einem zu gründenden Staatsfond. Nach neuem Erbrecht soll das steuerfreie Erbe von Privatpersonen dritten Grades (z.B. Neffen/Nichten/…) höher werden, damit man solchen Personen ohne Steuerabzug beispielsweise ein privates Häuschen oder eine Wohnung vermachen kann. Dafür wird Betriebsvermögen in die Erbbesteuerung einbezogen, aber in Form einer stillen Beteiligung des Staatsfonds an vererbten Betrieben und deren Gewinn von 30 Prozent. Die wirtschaftliche Handlungsfähigkeit der Eigner bleibt in diesem Modell voll erhalten, die des Staates steigt. Denn der kann von dem Geld endlich die nötigen Klimaschutzmaßnahmen woanders finanzieren, woran ja vielversprechende Ansätze bislang gescheitert sind. Außerdem können die Erben mit der Zeit ihren Anteil zurückkaufen.

Argumentativ weisen die Autoren darauf hin, dass das in den Firmen steckende Geld ja nicht von den Erben oder deren Erblassern allein erwirtschaftet wurde, sondern von ihren Mitarbeitern, und dass insofern de Allgemeinheit auch einen Anteil am vererbten Vermögen fordern könne, der über die bezahlten Steuern hinausgeht. Hier werden viele aufschreien, aber letztlich ist dies ein interessanter neuer Ausweg aus der Betriebsvermögens-Debatte. Wird unter 10 Millionen vererbt, gilt übrigens das alte Recht. Der Bäckermeister muss also nicht fürchten, dass der Staatsfonds demnächst an seinen Brötchen mitverdient.

Würde all dieses umgesetzt, hätten wir noch eine Chance, das 1,5-Grad-Ziel einzuhalten und damit unsere Zivilisation vor dem Schlimmsten zu bewahren. Und wirklich teuer wäre das auch nicht – die Rettung der Banken habe, so die Autoren, erheblich mehr gekostet.

Insofern macht das Buch Hoffnung und Angst zugleich. Hoffnung, weil noch viel möglich wäre, finge man nur endlich an. Angst, weil die Zeit unwiderruflich abläuft und oft doch immer wieder etwas anderes wichtiger ist als der Klimawandel.

Das zweite Buch beschäftigt sich mit dem Thema Mobilität, also dem Bereich, wo sich in Sachen Kohlendioxid-Einsparung bislang am wenigsten getan hat: Mobilität und Verkehr. Dabei sehen sie sich besonders die Städte an, in denen ja immer mehr Menschen leben. Und mobil sind.

Die AutorInnen (die sich übrigens um gendersensible Sprache bemühen und auch das Geschlecht bei ihren Verkehrsplanungen mitdenken) wissen, wovon sie reden: Stephan A. Jansen ist Stiftungsprofessor für Urbane Innovation an der Universität der Künste Berlin, lehrt außerdem an der Karlshochschule in Karlsruhe Management, Innovation und Finanzen und steht dort dem Center for Philantrophy and Civil Society vor. Martha Marisa Wanat ist geschäftsführende Gesellschafterin von BICICLI, Gesellschaft für Urbane Mobilität und von MOND (Mobility New Design), einer Mobilitätsberatung.

Gemeinsam analysieren sie die heutige verkehrliche Situation in den Städten, beleuchten die Potentiale bisheriger Lösungsvorschläge von E-Car über Scooter und Sharing-Modelle bis hin zur multimodalen Verkehrszentrale und machen ihrerseits Vorschläge.

Weil beide auch aus der kreativen Ecke kommen (Wanat ist auch Sängerin, Jansen lehrt an einer Kunstakademie) oder ihr zuzurechnen sind, klingen sowohl ihre Argumentationen als auch ihre Vorschläge erfrischend anders als der Einheitssprech auf den gängigen Verkehrskongressen.

Die beiden stellen einige Grundthesen des gegenwärtigen, technikdominierten Diskurses in Frage. Das E-Auto betrachten sie eher als „Motoren-Methadon“ denn als Lösungsmittel für städtische Verkehrsprobleme. Das ist beruhigend, denn bisher haben die E-Karossen aber auch gar nichts zur Kohlendioxideinsparung beigetragen, und wo sie geladen werden sollen, wenn sie sich so verbreiten würden, wie die Industrie und die Politik hoffen, steht bislang in den Sternen. Dasselbe gilt für Sharing-Modelle. Sie scheinen, so die Untersuchungsergebnisse, die das Autorenduo referiert, eher mehr Verkehr zu erzeugen als welchen einzusparen, jedenfalls, wenn sie nach heutigen Konzepten abgewickelt werden. Außerdem sind gerade die massenweise die Städte verunzierenden Scooter eher ein Ärgernis als ein Verkehrsmittel.

Die Lösung der AutorInnen, kurz gefasst: Alles an seinem Platz, und alles miteinander über Mobilitätszentralen verbunden, alle dafür nötigen Informationen per Digitaltechnik zugänglich. Das Konzept bedeutet unausweichlich eine gründliche Entthronung des automobilen Individualverkehrs. Denn der nimmt zu viel Platz weg, ohne dass dem eine entsprechende Beförderungsleistung gegenüberstünde. Statt dessen: In der Stadt oder Gemeinde Rückkehr zur Selbstbewegung per Fuß oder Rad und öffentlich, was einen gründlichen Ausbau des öffentlichen Verkehrs verlangt. Alles andere nur dann, wenn es sich nicht vermeiden lässt. Natürlich gilt das für Städte und ihre Peripherie, aber da lebt ja auch längst die Mehrzahl der Bevölkerung. Fürs Land schlagen die Autoren unter anderem Teleworking und mehr öffentlichen Verkehr, entsprechende Investitionen sowie maßvolle Nutzung von Autos etc. vor.

Das Gute ist, dass die AutorInnen ihre Thesen durch bereits real existierende und funktionierende Beispiele, die zeigen, dass eine Zurückdrängung des Autos keine Katastrophe, sondern die Tür zu mehr Lebensqualität für die gesamte Stadt ist. Ihre Skepsis gegenüber E-Autos, Sharing etc. begründen sie mit viel Datenmaterial, das sie in sorgfältigen Metastudien gewonnen haben. Insofern lassen sich ihre Argumente kaum vom Tisch wischen.

Wer zukunftsfähige Konzepte entdecken und das übliche Mobilitätsdenken einmal in teils amüsanter, teils etwas verzwickter Sprache auf den Kopf gestellt sehen möchte, dem sei dieses Buch empfohlen. Denn die Bewegung im Kopf geht der Selbstbewegung im Verkehr wahrscheinlich bei vielen voraus. Die Lektüre ist ein guter Anstoß dazu. Einziger Kritikpunkt: Die vielen S/W-Abbildungen sind teilweise so klein beschriftet, dass man deren interessante Inhalte nur mit der Lupe erkennen bzw. lesen kann. Hier hat der Verlag geschlampt, was schade ist.

Bibliographie:

Klaus Wiegandt, Forum für Verantworetung (Hrsg.): 3 Grad mehr. Ein Blick in die drohende Heißzeit und wie uns die Natur helfen kann, sie zu verhindern. Oekom-Verlag, München, 2. Auflage 2022. Broschiert, 347 Seiten, zahlreiche farbige Abbildungen, 25,00 Euro. ISBN 9-783962-383695.

Stephan A. Jansen, Martha Wanat: Bewegt Euch. Selber! Wie wir unsere Mobilität für gesunde und klimaneutrale Städte neu erfinden können. Hanser-Verlag München 2022. Gebunden, 330 Seiten, zahlreiche s/w-Abbildungen, 29,99 Euro, ISBN 978-3-446-46973-0

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Der Mai ist gekommen, der Friede leider nicht

Im Mai gibt es mal keine Rezensionen, sondern Reflektionen. Denn leider ist wegen des Ukraine-Krieges das Nachhaltigkeitsthema weit in den Hintergrund gerückt.
Statt dessen werden in dem geplagten Land massenweise verbaute Ressourcen zertrümmert – der perfekte Schritt zu mehr Entropie. Wer soll das eigentlich mit was alles wieder aufbauen, wenn schon der Sand für den Beton knapp wird? Oder soll die Ukraine zum Testlabor für Baurecycling werden?
Da der Umstieg auf Erneuerbare bei uns dank nimmermüden Industrie-Lobbyismus und einer willfährigen Regierung um ganze zehn Jahre nach hinten geschoben wurde, stehen wir jetzt vor dem Dilemma, schneller umrüsten zu müssen, es aber nicht zu können. Denn gerade jetzt sind die Handwerker nicht mehr da (die sich nach dem Abschmelzen der EE-Vergütungen nicht mehr motiviert sahen, diesen Geschäft zu forcieren), die Rohstoffe fehlen (da sie vorwiegend in Russland und Fernost produziert werden), in der PV stehen die Produktionskapazitäten vor allem in Fenost (da sie bei uns in den 2010er Jahren dank politisch gewollter Solarkrise abgebaut wurden) und die Bau- und Genehmigungsgesetze wurden viel zu spät der Dringlichkeit des Ausbaus angepasst (da sie ja ansonsten tatsächlich einen schnellen Umbau ermöglicht hätten).
Zu allem Überfluss fehlen nach wie vor Recycling-Technologien für die meisten seltenen Erden. Doch diese Stoffe sind noch immer unentbehrlich, um beispielsweise starke Elektromotoren zu bauen.
Außerdem deutet sich jetzt an, dass wir zwar weiter dringend viel Fleisch essen wollen, die Anbauflächen aber nun wirklich für Getreide für den menschlichen Verzehr brauchen, weil die Ukraine ausfällt. Leider können wir die Flächen aber nicht so schnell aktivieren, denn der Naturschutz steht im Wege. Den Naturschutz brauchen wir aber blöderweise, weil uns sonst die Insekten sterben und die Artenvielfalt und damit am Ende die Nahrungskette (die vor allem zu uns führt) komplett zusammenbricht. Gleichzeitig degradieren die Böden weltweit.
Auch der angestrebte Umstieg von Menschen und Transporten auf die umweltfreundlichere Bahn kann erst wirklich bewerkstelligt werden, war heute morgen im Online-Spiegel zu erfahren, wenn das deutsche Kern-Bahnnetz, sprich die ICE-Strecken, kernsaniert wurde. Das werde, so hieß es, mit Streckensperrungen, Zugausfällen, weiten Umleitungen etc. gepflastert sein. Man kann sich vorstellen, dass dann viele, die bislang die Bahn benutzt haben, aus blanker Not auf Flug, Auto oder Videokonferenz (hoffentlich!) umsteigen, bis das mehrjährige verkehrstechnische „Tal der Tränen“ (spiegel.de) durchschritten ist. Ob sie wieer zurückkommen, steht in den Sternen.
Derweil mahnt mal die WMO (World Meteorological Organization), mal das IPPCC, mal irgendjemand anders vor dem sich beschleunigenden Klimawandel. Sofortiges Handeln sei nun aber wirklich unabdingbar. Nur passieren tut außer der zigsten Verlautbarung bislang wenig. Lediglich die Preise für Energie steigen, diesmal ganz ohne Kohlendioxidabgabe. Weil das die Konsumgesellschaft auf anderen Sektoren einschränkt, da man Geld nun mal nur einmal ausgeben kann, fürchtet die Politik, das wirtschaftliche Getriebe können ins Stottern und die Gesellschaft aus dem Gleichgewicht geraten, was wiederum alle anderen Erneuerungsvorhaben beeinträchtigen würde.
Der perfekte Sturm!
Mal gucken, wie es in diesem Gruselfilm weitergeht!
Ich nehme jedenfalls an, langweilig wird es in den nächsten Jahren bestimmt nicht. Dafür aber wahrscheinlich ungemütlich.

Falscher Film?? Angriffskrieg, Abschreckung, Aufstieg in China und Städte

Derzeit glaube ich oft, ich bin im falschen Film. Wenn ich mich an das Ende des vergangenen Jahres erinnere, dann kommt es mir vor, als wäre ich in einem besonders schlechten, vollkommen überzogenen Katastrophenfilm gelandet: Angriffskrieg in Europa, explodierende Energie- und Lebensmittelpreise, drohende Hungersnot in Afrika, Covid-19 und ein Bundestag, der selbst milde Formen der Impfpflicht niederstimmt, dazu immer mehr Klimawandel. Oder wie man früher die Geißeln der Menschheit nannte: Hunger, Dürre, Krieg und Pestilenz.

Wie die meisten Angehörigen meiner Generation habe ich mich bislang in Westeuropa zumindest nach dem Fall des Eisernen Vorhangs 1989 relativ sicher gefühlt und geglaubt, es würde ohne Waffen schon gehen. Nicht so genau hingeguckt, was „da im Osten“ (Moldau, Georgien, Tschetschenien) so passierte. Das war ja so weit weg. Auch die Eroberung der Krim durch Russland hat mich (und wahrscheinlich viele mit mir) nicht wirklich aufgeschreckt, nur ein bisschen, immerhin ist München Partnerstadt von Kiew, und ich kenne ein paar Leute von dort flüchtig über meinen Chor. Warum sollte man sich von einem Land, Russland, bedroht fühlen, das uns doch immerzu zuverlässig Öl, Gas und Kohle liefert, auch wenn die Regierenden (und wohl auch beträchtliche Teile der Bevölkerung) des Landes ansonsten ziemlich unterschiedliche Vorstellungen haben als „wir“ (was immer das sein mag) und sowieso ständig das Ende des fossilen Zeitalters ausgerufen wird?

So kann man sich irren. Die komplett geänderte Situation durch den Ukraine-Krieg legt nun also nahe, sich über Dinge wie Bunkerbau, Investitionen in Rüstungsgüter und so weiter Gedanken zu machen. Denn wer weiß, was die nächste Ukraine ist. Also habe ich mir ein 2021 erstmals erschienenes Werk mit dem Titel „Future War“ aus dem Langen-MüllerVerlag bestellt. Geschrieben haben es drei erfahrene amerikanische Militärstrategen.

Das Buch beginnt (nach ausführlichen Vorwörtern, unter anderem von Klaus Naumann, General a.D.) mit einem Szenario: Russland greift in Nordeuropa an, es gibt gleichzeitig eine Seuche und Westeuropa kann sich nicht ausreichend gut verteidigen. Es muss um Frieden bitten und wird in der Zukunft zu einer demilitarisierten Zone unter sowjetischem Einfluss. Das Ganze wird im Jahr 2030 verortet. Wie schnell solche Szenarien veralten…

Es folgen ausführliche strategische Analysen. Sie sollen vor allem zeigen, dass Europa sich in den vergangenen Jahrzehnten mental irgendwo zwischen Taka-Tuka-Land und einem sicherheitspolitischen Wolkenkuckucksheim befunden hat, und zwar vorwiegend zum eigenen materiellen Vorteil. Schließlich musste man nicht so viel in Verteidigung und Rüstung investieren, so lange das die USA tun. Nun stehe Europa ohne wirksame Verteidigung da, schimpfen die Autoren, und die USA müsse sich sowohl mit Chinas Expansionsgelüsten als auch mit Europas Verteidigungslücken auseinandersetzen, was schlicht zu viel sei, lautet das Fazit dieser Überlegungen. Deshalb müssten die Europäer mehr tun.

Dann kommt eine Passage, die mich wirklich erschüttert hat. Sie bezieht sich auf einen potentiellen Angriff Russlands an einer der europäischen Schwachstellen (der hat ja nun schon stattgefunden): „Russland hätte (mit dem skizzierten Angriff, Anm. d.Aut.) das Bündnis (die NATO) vor vollendete Tatsachen gestellt, vielleicht in den baltischen Staaten, vielleicht aber auch in der Schwarzmeer-Region (sic!, Anm. d. Aut.). Wären die europäischen NATO-Staaten unter solchen Umständen bereit, zur Befreiung ihrer Verbündeten in einen Krieg gegen das atomar bewaffnete Russland zu ziehen? Wenn ja, dann im Bewusstsein, einen Atomkrieg zu riskieren. Wenn nein, wäre die NATO tot, die EU geschwächt und die transatlantischen Beziehungen zerbrochen.“

Ob letzteres, also das Zerbrechen der transatlantischen Beziehungen, geschehen wird oder schon geschieht, darf im Moment getrost bezweifelt werden. Immerhin haben die USA und auch viele europäische Länder einiges an Waffen und Geld auf den Weg gebracht, viele Länder nehmen viele Flüchtlinge auf, insbesondere Polen, und die Ukrainer entpuppen sich als wehrhaft und fester als je entschlossen, ihre Freiheit zu verteidigen. Und damit wohl auch unsere.

Dennoch haben die Strategen bezüglich des europäischen Verhaltens mehr oder weniger ins Schwarze getroffen, nur dass der russische Angriff ein knappes Jahrzehnt früher eingetroffen ist als sie es prognostizieren. Und dass die russischen Kräfte sich eines leichten Sieges wohl zu gewiss waren.

Außerdem gelangen Gräueltaten, wie man das Wüten einer entfesselten Soldateska nennt, heute schneller an die Öffentlichkeit. Das gilt selbstverständlich auch für die, die Amerika in Abu Ghareib begangen hat – mit dem Unterschied, dass die Verantwortlichen hier wenigstens zur Rechenschaft gezogen wurden.

Das Buch beschreibt auch, was geschehen müsste (oder hätte geschehen müssen?), um russische Angriffe auf mittel- und südosteuropäische Länder unwahrscheinlicher zu machen (falls es jetzt gemeinsam gelingen sollte, eine größere militärische Auseinandersetzung in ganz Europa oder weltweit abzuwenden). Gefallen werden die Rezepte niemandem, doch nachdem alle FriedensfreundInnen, mich eingeschlossen, dermaßen auf dem Holzweg waren, scheint es mir angemessen, den eigenen Hirnkasten zur Abwechselung den Einsichten der westlichen Militärs zu öffnen und dann neu nachzudenken.

Future War ist eine Anregung dazu, auch wenn das Lesen nervt, weil sich kaum jemand mit Abschreckung, Krieg und Waffengattungen oder Militärstrategie beschäftigt und sich die fremde Materie, abgesehen davon, dass sie erschreckend ist, nicht ohne Weiteres erschließt. Vor allem nicht, wenn man am Frieden hängt.

Julian Lindley-French, John R. Allen, Frederick Ben Hodges: Future Wars. Bedrohung und Verteidigung Europas. Langen-Müller-Verlag, München, 2. Auflage 2022. Gebunden, 408 Seiten, ausführliches Anmerkungs-, Literatur- und Personenverzeichnis. ISBN 978-3-7844-3579-4, 34 Euro.

Ein chinesischer Aufsteiger berichtet

Eine passende Ergänzung ist „Chinesisches Roulette“ von Desmond Chum, einem der großen Aufsteiger des modernen China. Das Buch befasst sich mit seiner der Lebens- und Aufstiegsgeschichte, ist also eine Autobiografie. Shum wuchs als einziges Kind eines Vaters aus der ehemaligen „Grundbesitzersklasse“ im maoistischen China auf. Deshalb war seine Familie diskreditiert und sein Vater versuchte, sich lebenslang unauffällig zu verhalten, um nicht sanktioniert zu werden. In diesem Sinn erzog seinen Sohn, der auch reichlich Prügel bekam.

Shum entwickelte erheblichen Ehrgeiz, studierte in den USA, schloss dort lebenslange Freundschaften und vermeintlich tragfähige Geschäftsbeziehungen, kehrte nach China zurück und scheiterte bei seinen ersten geschäftlichen Bestrebungen. Denn er gehörte nicht zur chinesischen Polit-Aristokratie, weshalb sich ihm die nötigen Türen nicht öffneten.

Dann lernte er eine Frau mit ausgezeichneten Relationen zur obersten chinesischen Funktionärskaste kennen, die beiden beschlossen, ein Gespann zu Aufstiegszwecken zu bilden, und heirateten, wobei Frau Shum nach den Worten des Autors stets der Motor dieses Aufstiegs war, weil sie die besseren Beziehungen hatten. Gemeinsam gelangen dem Ehepaar, was es sich vorgenommen hatte: Es entwickelte das Konzept von Sonderwirtschaftszonen rund um Flughäfen und setzte diese um – einschließlich der Vertreibung ganzer Dörfer für den Fortschritt (der Kohleabbau hierzulande lässt grüßen). Am Ende allerdings scheiterte die Ehe an der fehlenden emotionalen Basis und daran, dass Herr Shum lieber selber die Zügel in die Hand nehmen wollte. Später zog sich Frau Shum das Missfallen der Regierung zu. Sie wurde von dieser mit unbekanntem Verbleib aus dem Verkehr gezogen.

Shum verließ daraufhin fluchtartig mit seinem Sohn das Land und schrieb sein Buch, das in Deutschland bei Droemer erschienen ist. Man erfährt, wie (in seinem, wahrscheinlich aber nicht nur in seinem Fall) Aufstieg in China funktioniert: durch hemmungsloses Umschmeicheln der herrschenden Funktionäre bis hin zu Praktiken, die man hierzulande schlicht als Bestechung brandmarken würde. Allerdings geht es in Fußballverbänden und einigen anderen Bereichen bei uns wohl nur graduell besser zu.

Shums Kritik richtet sich vor allem gegen die Klientel- und Vetternwirtschaft in China sowie den fehlenden Respekt vor Grund- und Freiheitsrechten der Menschen bis dahin, Leute, die irgendwie nicht mehr in die Landschaft passen, hinter Schloss und Riegel zu verbringen oder sonstwie in deren Freiheit einzugreifen. Gleichzeitig offenbart Shum ein ungebrochenes Verhältnis zu Wachstum und kapitalistischem Wirtschaften, auch damit ist er sicher unter den chinesischen Aufsteigern keine Ausnahme.

Hierzulande scheint es merkwürdig, dass globale Probleme wie Ressourcenknappheit und Klimawandel, denen sich auch China gegenübersieht, in dem Buch nicht einmal in einem Halbsatz auftauchen. Shum ist durchaus nationalistisch und in diesem Punkt eins mit der Führung seines Landes. Was man aus dem Buch auf jeden Fall lernt, ist, dass China unbedingt eine Umverteilung der weltweiten Machtstrukturen anstrebt und dass Chinas Wirtschafts- und Politfürsten vom Segen und der Berechtigung ihrer eigenen Vorgehensweisen zutiefst überzeugt sind. Das lässt nichts Gutes ahnen, wenn man bedenkt, wie viele Vorprodukte und Rohstoffe wir von dort beziehen.

Desmond Shum: Chinesisches Roulette. Ein Ex-Mitglied der roten Milliardärskaste packt aus. Droemer-Verlag Februar 2022. Gebunden, 300 Seiten. 22 Euro, ISBN 978-3-426-27878-9

Jahrbuch Ökologie: Städte im Mittelpunkt

Nun noch zu einem vergleichsweise harmlosen Thema: Auch 2022 ist wie jedes Jahr ein Jahrbuch Ökologie erschienen. Diesmal widmet sich die umfangreiche Publikation den Städten als entscheidender Kraft im Anthropozän. Schließlich lebt dort für alle vorhersehbare Zukunft die Mehrheit der Menschen auf der Erde.

Das über 340 Seiten lange Buch gliedert sich in fünf Abschnitte. Am Anfang steht eine Einleitung zur Rolle der Städte im Anthropozän im Allgemeinen. Sie beschreibt beispielsweise den Grad der Bevölkerungskonzentration in Städten und andere Grundfaktoren.

Es folgt ein Abschnitt, der grundsätzliche Probleme und Chancen von Städten heute analysiert. Hier geht es um eine Definition von Stadt, den ökologischen Stadtumbau, Änderungsbedarf in Stadtentwicklung und Architektur, die Rolle von Städten beim Klimaschutz, die Bezüge von Städten zu den sie umgebenden Regionen und die transformative Kraft von Städten. Schließlich wird die New Urban Agenda für nachhaltige Stadtentwicklung thematisiert.

Anschließend geht es um ökologische Warnsignale, die sich in Städten bemerkbar machen: Massiver Energie- und Materialverbrauch, Hitzeglocken, Abfallberge, Dauerstau, Lichtverschmutzung und so weiter.

Dann werden städtische Ansätze zu mehr Nachhaltigkeit präsentiert. Hier geht es um eine ökologische Vision von Stadt, eine gemeinsame Perspektive von Umweltschützern und Stadtplanern, städtische Transformation samt der dafür nötigen kreativen Prozesse, die Rolle der Digitalisierung, das Spannungsfeld zwischen Nachhaltigkeit und Wohnungsbau, den nötigen Infrastrukturumbau, die Sinnhaftigkeit lokaler Autonomie und alternative Mobilitätsoptionen wie das Fahrrad.

Der letzte Abschnitt schließlich wird sehr konkret und ist daher besonders interessant zu lesen: Er liefert in Form einzelner Städteporträts zahlreiche Beispiele dafür, wie viel und was Städte aus dem In- und Ausland für Umweltschutz und Nachhaltigkeit tun oder eben nicht tun. Außerdem kann man dort auszugsweise die Agenda 2030 und die New Urban Agenda nachlesen.

Leider lesen sich die Beiträge oft so, als wären sie Sekundärverwertungen von anderswo gehaltenen Kongressbeiträgen. Die Texte enthalten teils viel Redundanz zu anderen Texten in dem Buch. Die Sprache kommt häufig als gestelztes Amtsdeutsch daher. Eine stilistisch-formale Vereinheitlichung oder Glättung war offensichtlich in dem Reader nicht angestrebt, was den Lesegenuss empfindlich beeinträchtigt. Dennoch dürfte das Buch für Menschen, die in der Stadtplanung, Stadtverwaltung oder Kommunalpolitik tätig sind, nützlich sein.

Heike Leitschuh u.a. (Hrsg.): Jahrbuch Ökologie 2022: Das Zeitalter der Städte. Die entscheidende Kraft im Anthropozän. Hirzel-Verlag Stuttgart 2022. Broschiert, 344 Seiten, diverse farbige Abbildungen. 24 Euro, ISBN 978-3-7776-3032-8

Film: Der erfolgreichste Stuhl der Welt

Stühle sind selten ein Thema für Filme. Doch Monobloc (ab 27. Januar in den Kinos) ist genau das: ein Film in Spielfilmlänge über einen Stuhl, und zwar den erfolgreichsten der Welt. Er ist aus Plastik und aus einem Guss, schnell hergestellt, zu hohen Türmen stapelbar, in allerlei Formen und Farben möglich und konkurrenzlos billig. Jeder kennt ihn, nicht jeder liebt ihn.

Der Film zeigt die Entstehungsgeschichte des Stuhls, seine Nutzung auf der ganzen Welt, aber auch, wie unterschiedlich seine Einschätzung ist: Westliche Wohlstandsmenschen betrachten den Monobloc oft als wenig haltbares Plastikgerümpel ohne bleibenden Wert, am ehesten noch als unkompliziertes Gartenmöbel zu gebrauchen.

Anders sieht es im globalen Süden und überhaupt überall da aus, wo Geld eher knapp ist. Dort nämlich gilt der Monobloc wegen seiner geringen Kosten und seines im Verhältnis zu diesem Preis sehr ansprechenden Designs als das Möbel, das eine ganze Generation davon befreit hat, bei jeder Gelegenheit auf dem Boden sitzen zu müssen. Das ein bisschen Gemütlichkeit und Geselligkeit ohne Verrenkungen auch in bescheidenen Hütten, auf dem Bürgersteig oder einem öffentlichen Platz ermöglicht. Die Besitzer dieser Möbel sind genauso stolz auf sie wie ihre Hersteller. Für sie bedeutet der Monobloc ein Stück Menschenwürde. Weil andere Möbel schlicht zu teuer sind, aber niemand mehr auf Möbel verzichten möchte.

Auch das andere Ende der Produktionskette behandelt der Film: die Müllsammler, für die ein ausrangierte Monobloc eine Kostbarkeit ist – wegen der relativen Sortenreinheit und guten Rezyklierbarkeit des Materials. Und die Recyclingfabriken im globalen Süden, wo Monoblocs massenweise eingeschmolzehn und danach oft zum Grundmaterial für neue Monoblocs werden. Dort atmen die Mitarbeiter*innen oft ungeschützt giftige Gase und Plastik-Feinstaub ein, die beim Shreddern und Einschmelzen des Materials entstehen. Das dreckige Wasser, das bei der Reinigung des Plastiks anfällt, fließt häufig mehr oder weniger ungeklärt ab.

Kurz: „Monobloc“ von Grimme-Preisträger Hauke Wanner zeigt an einem sehr konkreten Beispiel, was Globalisierung bedeutet und wie unterschiedlich die Welten sind, die sie hervorbringt. Das alles in prächtigen Bildern und kein bisschen langweilig.

Damit verabschiede ich mich für die nächste Zeit. Spätestens im kommenden Sommer geht es hoffentlich weiter!

Im November und Dezember: Nachhaltigkeit allenthalben und ein Buch über Seltene Erden

Es ist, als wäre ein Knoten geplatzt: Während die Nachhaltigkeit der Informationstechnik über Jahrzehnte mehr oder weniger als Spinner-Thema betrachtet wurde für passionierte Müslis, scheint sich gerade eine komplette Kehrtwendung anzukündigen. Zumindest verbal.

Innerhalb von nur einer Woche habe ich jetzt an zwei Veranstaltungen teilgenommen, die sich explizit mit der Nachhaltigkeit von IT und ihren Anwendungen beschäftigten. Kaum ein Kongress findet statt, ohne dass sich mindestens eine Podiumsdiskussion mit dem Thema Nachhaltigkeit beschäftigt.

Und es kommen wahrhaft bahnbrechende Erkenntnisse zutage: So stellte das Borderstep-Institut, federführend beim Projekt CliDiTrans („Klimaschutzpotentiale der digitalen Transformation“) schlicht fest, was die meisten wahrscheinlich eh schon ahnten: Wer der Digitalisierung und der IT-Branche keine ökologischen Leitplanken vorgibt, kann auf nennenswerte Nachhaltigkeitseffekte digitaler Technologien lange warten. Die Wirksamkeiten digitaler Innovation für den Klimaschutz bewegen sich nämlich, übergreifend betrachtet, in sehr überschaubaren Bereichen. Beispielsweise bekommt man für ein Prozent mehr ITK-Invest 0,1 Prozent mehr Energieeffizienz. In einer ähnlichen, 2016 publizierten Studie, waren es noch 0,2 Prozent. Es wird also weniger. Und wer einen Euro mehr Softwarekapital im Unternehmen hat, erhöht seine Energieeffizienz um sagenhafte 0,007 Prozent. Das bedeutet, dass wir noch mehr als 7000 Jahre warten müssen, bis 55 Prozent eingespart sind, wie es die deutsche Klimastrategie bis 2030 vorsieht. Ziel verfehlt, kann man da nur sagen.

Ich erinnere mich noch tränenden Auges an die goldenen Versprechen, die bezüglich der Nachhaltigkeit der IT auf einem IT-Gipfel irgendwann in den Nuller-Jahren gemacht wurden. Danach sollte auch der Verkehr schon 2020 komplett automatisiert und autonom und dadurch unheimlich grün sein. Wir sollten alle in smarten Häusern wohnen und so weiter. Von der Realität kann sich jedeR durch einfaches Umsehen überzeugen.

Digitalisierung folgt bislang dem Motto: Mehr Gewinn durch mehr Effizienz. Die Ökologie kommt in dieser Rechnung nicht vor. Und so, so diverse Referenten auf der Borderstep-Veranstaltung, wird permanent das Falsche groß ins Zentrum gesetzt: Autonomes Fahren statt intelligente Vernetzung umweltfreundlicher Verkehrsträger, smarte Häuser statt intelligenter Plattformen für Wohnungstausch, Algorithmen, die uns immer mehr Zeug aufschwätzen wollen statt Algorithmen, die uns helfen, nachhaltiges Verhalten zu entwickeln.

Womit wir bei den Plattformen wären. Ob die in ihrer gegenwärtigen Form die Nachhaltigkeit fördern, fragt sich das Projekt Co:Dina von Wuppertal Institut und IZT (Innovationszentrum Technologie). Wie müssen Plattformen reguliert respektive gestaltet werden, damit sie Nachhaltigkeit unterstützen statt einfach nur Konsumschleudern zu sein. Auch hier zeigte sich schnell: Ohne dass man konzeptionell den Raum der IT verlässt, kriegt man die Plattformen nicht nachhaltig. Denn so lange sie dem Prinzip der Gewinnmaximierung und Wachstumszwängen unterworfen sind (oder sich unterwerfen), ist es mit der Nachhaltigkeit schnell vorbei respektive man kommt erst gar nicht hin.

Passend zu den Themen, möchte ich zum Jahresschluss noch ein Buch vorstellen, das zwar schon einige Jahre alt ist, an Aktualität aber nichts verloren hat: „Seltene Erden“ aus dem Ökom-Verlag, dessen schöne Buchreihe „Stoffgeschichten“ viele blinde Flecken über von uns selbstverständlich ge- und vernutzte Materialien ausleuchtet.

Seltene Erden sind Stoffe, die teils für die Elektronik und den Mobilfunk, teils aber auch für Nachhaltigkeitstechnologien wie Windenergie oder Elektromotoren extrem wichtig sind. Selten sind nicht alle, sondern nur eine bestimmte Gruppe von ihnen. Alle aber kommen nur in Materialgemischen vor. Es bedeutet also meist einen sehr hohen Aufwand, sie verfügbar zu machen. Die Abhängigkeit von einigen wenigen Lieferländern ist groß. Das Recycling dieser Stoffe ist meist sehr aufwändig, manchmal heute noch gar nicht möglich oder wird erst gar nicht versucht, weil die Anteile am Gesamtgemisch der Recyclinggüter extrem gering, wenn auch für die Funktion höchst bedeutend sind. Kurz: Seltene Erden sind ein möglicher Engpass für die technologiebasierte Wende zur Nachhaltigkeit.

Das Buch von Luitgard Marschall und Heike Holdinghausen fasst die aktuellen Erkenntnisse zu diesen Stoffen zusammen, aber auch die sehr interessante Geschichte ihrer Entdeckung. Sie beschreibt Anwendungsgebiete, Verbrauchsmengen, vorhandene Recyclingtechniken, Projekte, die neue zu entwickeln versuchen. Schließlich geht es auch um Bemühungen, besonders seltene oder schwierig zu beschaffende Seltene Erden durch andere Stoffe zu substituieren. Wer sich mittels eines gut lesbaren Texts über diese spannenden Elemente informieren möchte, ist mit dem 2018 veröffentlichten Buch gut bedient.

Bibliographie: Luitgard Marschall, Heike Holdinghausen: Seltene Erden. Umkämpfte Rohstoffe des Hightech-Zeitalters. Aus der Reihe Stoffgeschichten. Oekom-Verlag, München, 1. Auflage 2018. Gebunden, diverse s/w-Abbildungen, Stichwort- und Literaturverzeichnis, 190 Seiten, 24 Euro. ISBN 9-783865818447

Übrigens: Bücher kauft und bestellt man am besten beim Buchhändler Ihres Vertrauens um die Ecke! Das schafft Arbeitsplätze vor Ort und hält unsere Städte und Gemeinden lebendig.

Mit dieser Ausgabe verabschiedet sich anderewirtschaft für einige Monate. Eine Kunstpause hat noch niemandem geschadet. Ich freue mich schon darauf, im nächsten Frühjahr oder Sommer mit neuen, hoffentlich interessanten Themen weiterzumachen. Bis dahin wünsche ich dem Leser*Innenkreis von anderewirtschaft eine möglichst coronafreie und entspannende Jahresendpause.

Ihre Ariane Rüdiger

Im November: Fallende Blätter, Corona und Klimawandel. Das infernalische Trio!

Während der Pandemie geht es wirklich klasse voran mit dem Lesen, es ist ja eines der Dinge, die immer gehen. Denn es ist jetzt anscheinend durchaus angeraten, wieder über eine kleine Privat-Quarantäne nachzudenken. Die Corona-Zahlen steigen, ein Ende ist nicht in Sicht, und Geimpft-Sein bedeutet leider mitnichten sicher sein!

Das andere wichtige Thema ist der Klimawandel. Ich verbringe derzeit viel Zeit damit, die On-Demand-Streams vom Klimagipfel COP26 in Glasgow zu verfolgen, und ehrlich gesagt, mein Eindruck ist, dass sich inzwischen nicht nur bei den Inselstaaten ein gewisses Gefühl der Dringlichkeit bildet. Ob das ausreicht, unser Emissionsverhalten zu ändern, wo doch allseits immer wieder geradezu verzweifelt verkündet wird, mit Lebensstil hätten diese Emissionen nichts zu tun, man brauchte nur ein bisschen andere Technik, dann würde das schon klappen, das wird sich zeigen müssen. Es gab ja bisher fast auf jedem COP viele Versprechen, die regelmäßig nur im Ansatz eingehalten wurden.

Das Ganze wird sicherlich Spitz auf Knopf ausgehen, und ich hoffe sehr, dass ich es noch erleben darf, dass wir wirklich runterkommen vom Emissionsniveau. Wenn es so weitergeht wie jetzt, sind wir 2030 bei über zehn Prozent mehr Kohlendioxid als heute, und dann auf Dauer betrachtet: Gute Nacht, Nordseeinseln, Hamburg, Bremen, Kiel, Amsterdam und noch so einiges.

Mindestens drei der in diesem Monat besprochenen Bücher haben direkt oder indirekt mit Corona zu tun, und in keinem wird die Seuche gar nicht erwähnt. Da sieht man mal. Allerdings lässt sich Corona auch trefflich als Aufhänger für alles Mögliche benutzen. Zum Beispiel als Aufhänger für Diskussionen über längst bekannte Themen, denen dann ein neuer Aspekt hinzugefügt wird.

Das trifft auf die letzten beiden hier besprochenen Bändchen der Reihe rausgeblickt zu. Details zum Hintergrund siehe die Ausgaben Februar und März des andere-wirtschaft-Blog. Diesmal wird der Ökonomie-Spezialist Joseph Stieglitz, einer der ganz Großen, wenn es um Nachdenken über alternative Wirtschaftsmodelle geht, befragt. Stieglitz redet wie immer über eine gerechte Weltwirtschaft, und das ist auch bitter nötig. Gestern wurde beispielsweise verkündet, dass die reichsten ein Prozent der Bevölkerung 16 Prozent zum Kohlendioxidausstoß beitragen. Friede den Hütten, Krieg den Privatjets, Luxusyachten und anderen solchen Dingen, möchte man da in Anlehnung an einen bekannten Spruch ausrufen!

Stieglitz erwähnt im Interview einige seiner bekannten Ideen: alternative Indikatoren neben dem BPI, er wehrt sich gegen den „Fundamentalismus des freien Marktes“, erwartet Veränderungen bei der Globalisierung und redet über die Notwendigkeit, gerechtere Steuersysteme zu entwickeln und darüber, dass sich der Glauben der Menschen an eine rein liberale Marktwirtschaft inzwischen erschöpft hat. Wer sich mit dem Gedankengebäude von Stieglitz in Kurzform befassen möchte, ist mit dem Band bestens bedient. Die Corona-Bezüge sind vorhanden, man hätte dieses Interview aber genauso auch ohne sie veröffentlichen können.

Ähnliches gilt auch für einen schon wieder aus der Aktualität gerutschten Nachhaltigkeits-Star des Frühjahrs 2021, Maja Göpel. Auch hier fügte Corona den relativ gut bekannten Gedanken der Autorin zur Nachhaltigkeit nur einige Corona-Aspekte hinzu. Es geht im Interview um falsche Anreize im Wettbewerb, umweltschädliche Subventionen, Gemeinwohlökonomie, die Gefährdung der Demokratie durch die Tribalisierung der Gesellschaft und die Notwendigkeit eines neuen, mit den Bedürfnissen künftiger Generationen und den Notwendigkeiten des Klimaschutzes kompatiblen Gesellschaftsvertrag. Alles sehr gute Gedanken, doch der Weg zur Umsetzung scheint manchmal geradezu unüberwindlich. Auch hier gilt: Wer Göpels wichtigste Gedanken kennenlernen möchte, ohne umfangreiche Bücher zu lesen, ist mit diesem Band aus der Reihe „Nachgehakt“ gut bedient.

Corona und die damit verbundenen Verblödungskampagnen von Querdenkern, einigen Alternativmedizinern etc. dürften auch der Anlass gewesen sein, der Mai Thi Nguyen-Kim zum Schreiben bewogen hat. Die junge Frau brillierte in der ersten Phase der Pandemie durch ein unschlagbar gutes Video, in dem sie die Natur exponentiell steigender Fallzahlen und überhaupt der Pandemie-Ausbreitung wissenschaftlich korrekt, aber gleichzeitig unterhaltsam erklärte. Ihre tolle Arbeit wurde inzwischen mit einer eigenen Wissenschaftssendung im öffentlich-rechtlichen Fernsehen belohnt.

Was wissen wir, und was ist Fake? Oder unklar?

Ihr Buch „Die kleinste gemeinsame Wirklichkeit“ beleuchtet einige chronisch umstrittene Fragen und benutzt dazu streng wissenschaftliche Kriterien. Das führt nicht zu den vom Stammtisch bekannten klaren Urteilen in die eine oder andere Richtung. Vielmehr begreift man, dass es vieles gibt, was wir leider gar nicht genau wissen, obwohl immer wieder Leute das behaupten, und anderes, was wir sehr genau wissen, auch wenn viele so tun, als handele es sich um vollkommen unbewiesene Thesen.

Die pfiffige Wissenschaftsjournalistin befasst sich in jeweils einem Kapitel ihres Buches mit notorisch umstrittenen Themen. Jedes von ihnen hat das Potential, ganze Freundeskreise auseinanderzutreiben: Drogenlegalisierung, Videospiele und Gewalt, Gender Pay Gap, Pharma versus alternative Medizin, Impfungen, Erblichkeit von Intelligenz, unterschiedliches Denken von Frauen und Männern, Tierversuche.

Jeweils wird geschaut, welche Studien existieren, was diese Studien aussagen und wie statistisch relevant diese Studien sind. Fein säuberlich werden Fakten und daraus abgeleitete Meinungen auseinanderklamüsert, so dass am Ende klar wird, worüber man sich überhaupt streiten kann und was schlicht hingenommen werden muss, weil es nun mal nach den bisherigen Erkenntnissen so ist. Immer vorbehaltlich vollkommen neuer Erkenntnisse, die nach guter wissenschaftlicher Tradition auch den heutigen Stand des Wissens über den Haufen werfen können, so sich das Neue denn oft genug nachvollziehbar reproduzieren lässt.

Ganz nebenbei vermittelt die Autorin Grundwissen über Statistik und Biomedizin, was sich als sehr hilfreich entpuppen könnte, wenn wieder einmal jemand mit einer Studie sowie den dazugehörigen Fachbegriffen wedelt. Diese statistischen Exkurse sind in Kästen vom übrigen Text abgetrennt, so dass man sie ohne große Anstrengung finden und konsultieren kann, um etwa nachzulesen, was eine Effektgröße oder die Standardabweichung sind, wie Medikamentenstudien ablaufen und das Genom aufgebaut ist. Uneingeschränkt empfehlenswert. Die Autorin hat übrigens in ihrem noch ziemlich jungen Alter für ihren wissenschaftsjournalistischen Einsatz gegen Unsinn, Fake und Impfgegner bereits das Bundesverdienstkreuz bekommen und verdient es auch. Schon allein, weil sie die teils schwierigen Themen so darstellen kann, dass man sich ganz nebenbei auch noch amüsiert bei der Lektüre.

Essen nur noch aus der Retorte?

Die einen denken darüber nach, die Welt durch ökologische Landwirtschaft zu retten, die anderen wollen sie gleich ganz vom Acker in die Retorte oder das Gewächshaus verlegen, weil man dann die heute bewirtschafteten Flächen zumindest größtenteils der Natur zurückgeben könnte. In dem Buch „Vom Ende der Landwirtschaft“ wird also das übliche Denken grüner Kreise hinsichtlich der Produktion unserer Nahrungsmittel einmal vollkommen auf den Kopf gestellt. Man mag die Ansichten des Autors teilen oder nicht (auch in mir als Landkind und Mitbetreiberin einer Kleingarten-Parzelle sträubt sich da so einiges), sie sind auf jeden Fall interessant und eine Auseinandersetzung mit den Ideen lohnt sich.

Der Autor, Oliver Stengel, befasst sich als Professor mit Nachhaltiger Entwicklung, und als solcher ist ihm die Landwirtschaft auf dem Feld mit ihrem ungeheuren Flächen- und Wasserbedarf ein Dorn im Auge. Stengel meint (und beruft sich auf bekannte Ökologen und Biologen), dass das Artensterben und damit wohl auch ein Niedergang der Menschheit kaum aufzuhalten sind, wenn diese nicht die landwirtschaftlichen Flächen weitestgehend für die Verwilderung freigibt.

Eine extensive Bewirtschaftung mittels Ökolandbau sei keine Option, da die Menschheit dafür längst zu groß geworden sei – die zu erwartenden Minderernten ließen sich nicht durch die Nutzung neuer Flächen auffangen, ohne die Ökosphäre noch weiter zu ruinieren.

Da die Menschheit anscheinend nun einmal nicht auf Fleisch und andere tierische Nahrung verzichten wolle und auch kein Anzeichen von Schrumpfung zeigt, rät Stengel dazu, schleunigst die Entwicklung  und Vermarktung von tierlos wachsendem Fleisch aus der Retorte (bald verzehrreif), ebensolcher Milch, Insektenfarmen, Aquapoenie (Kombi-Züchtung von Fischen und Pflanzen in geschlossenen Systemen, bei denen die Ausscheidungen der Fische die Pflanzen düngen), bodenlosem Farming in Nährlösung und so weiter voranzutreiben. Solche Techniken sollen die bestehende Landwirtschaft schnellstmöglich ablösen, ehe der Planet austrocknet oder nur noch von Menschen und seinen Haustieren bevölkert wird (eine schreckliche Vorstellung, aber leider gar nicht so abwegig).

Allein solche Methoden böten die nötige Flächensparsamkeit und ausreichend hohe Erträge, um die explodierenden Stadtbevölkerungen zu ernähren, ohne Grundwasserleiter und Böden weiter zu ruinieren oder viele Menschen dem Hungertod auszusetzen. Stängel hält es für möglich, sogar Kartoffelpflanzen in flüssigem Substrat zu züchten, sobald man herausgefunden hat, welcher chemische Schalter die Pflanze zur Ausbildung ihrer Knollen motiviert. Das sei, so der Wissenschaftler, nur noch wenige Jahre entfernt.

Klingt utopisch? Naja. Schließlich hat wohl auch niemand ernsthaft geglaubt, dass man in einem Jahr einen Impfstoff entwickeln oder in seiner Tasche so viel Rechenleistung herumtragen kann, wie noch vor wenigen Jahrzehnten nicht mal in einem ganzen Raum zu realisieren gewesen wäre.

Zeit ist Zeit, und Geld ist Geld

Das letzte Buch, das ich hier erwähnen möchte, befasst sich mit dem Thema Zeit und damit, warum die „Zeit-ist-Geld“-Logik der Natur und den Menschen den Hahn abdreht. Nämlich, um es kurz zu sagen, weil in der „Zeit-ist-Geld-Ordnung“ die natürlichen Rhythmen keinen Platz haben. Weder die von Menschen noch die von Tieren. Und dies hat wiederum negative Auswirkungen auf Leben, Psyche und Ökosphäre. Das sind nun keine neuen Gedanken, man denke nur an den Pionier der wissenschaftlichen Entschleunigungsdiskussion in Deutschland, Hartmut Rosa, der sich schon viele Jahre mit diesem Thema befasst.

Das Buch ist aber trotzdem interessant. Denn erstens nimmt es aktuelle Themen wie die Forderung nach Multitasking als neue Stufe der Beschleunigung des wirtschaftlichen Handelns auf und bespricht, was Home Offices und Smartphones damit zu tun haben. Und zweitens widmet sich das hintere Drittel des Buches der Frage, was es bedeuten würde, eine nachhaltige Zeitkultur zu entwickeln und was die einzelnen Menschen dazu beitragen könnten.

Das geschieht nicht in Form weitschweifiger Erörterungen mit erhobenem Zeigefinger. Vielmehr sind in den Text Kästen mit Fragen eingestreut, die die Leserschaft zum Nachdenken über das eigene Verhalten anregen und vielleicht dazu ermuntern sollen, an der einen oder anderen Stelle mal etwas anderes zu versuchen, um zu sehen, wie es sich aufs eigene Leben auswirkt. Da geht es darum, was man mit freien Momenten anfängt, wie man aus aufoktroyierten Zeitkorsetts ausbricht, um die Beobachtung der Zeitstrukturen des eigenen Alltags und Ähnliches.

Beim Individuum bleibt dieses Verfahren nicht stehen, sondern schreitet fort zu Arbeitswelt und Politik, denn wenn die Regeln etwas anderes erzwingen, ist es schwer, sich gesündere Zeitstrukturen zuzulegen. In diesem Kapitel, besonders in dem Teil, der sich mit dem Individuum befasst, finden sich viele Anregungen, die tatsächlich dazu führen können, eigene Gewohnheiten in Frage zu stellen. Und sei es nur, dass das Smartphone beim Mittagessen nicht mehr auf dem Tisch liegt.

Thomas Hartmann, Jochen Dahm, Christian Krell. Interview-Reihe rausgeblickt: Joseph Stieglitz. Pandemie und Markt. Ein Gespräch über eine nachhaltigere Welt. Dietz-Verlag, Bonn, 2021. Gebunden, Din-A-6-Format, 65 Seiten. ISBN 978-3-8012-0602-4, 10 Euro.

Thomas Hartmann, Jochen Dahm, Christian Krell. Interview-Reihe rausgeblickt: Maja Göpel: Pandemie und Klima. Ein Gespräch über eine gerechtere Weltwirtschaft. Dietz-Verlag, Bonn, 2021. Gebunden, Din-A-6-Format, 84 Seiten. ISBN 978-3-8012-0607-9, 10 Euro.

Mai Thi Nguxen-Kim: Die Kleinste gemeinsame Wirklichkeit. Wahr, falsch, plausibel? Die größten Streitfragen wissenschaftlich geprüft. Droemer, München, 2021. Gebunden mit zahlreichen Abbildungen und Textkästen, 367 Seiten, 20 Euro. ISBN 978-3-426-27822-2.

Oliver Stengel: Vom Ende der Landwirtschaft. Wie wir die Menschheit ernähren und die Wildnis zurückkehren lassen. Plädoyer für eine Postlandwirtschaftliche Revolution. Oekom-Verlag, München, 2021. Broschiert, 239 Seiten, 20 Euro. ISBN 9-783962-382070.

Harald Lesch, Karlheinz A. Geißler, Jonas Geißler: Alles eine Frage der Zeit. Warum die „Zeit-ist-Geld“-Logik Mensch und Natur teuer zu stehen kommt. Oekom-Verlag München 2021. Broschiert, 271 Seiten, 20 Euro. ISBN 9-783962 382483.

Rechte Gefühle, grünes Geld und Sand

Liebe Leser*Innen des Blogs anderewirtschaft, inzwischen ist es Oktober und eine neue Bundesregierung ist dabei sich zu formieren. Wird sie dafür sorgen, dass das Wirtschaften endlich durchgängig grün genug für das 1,5-Grad-Ziel wird? Die Flutkatastrophe im Ahrtal, die Waldbrände an vielen Orten und Windhosen in Kiel zeigen, wie dringend es damit inzwischen ist.

Viele meinen ja, es wäre schon zu spät, man müsste also eigentlich gar nichts mehr tun. Denen stelle ich die Frage: Was tust Du, wenn Dir auf Deiner Fahrbahn mit hoher Geschwindigkeit ein Fahrzeug entgegenkommt? Nochmal ordentlich Gas geben, damit es auch richtig kracht? Oder versuchst Du auszuweichen oder zu bremsen, damit der Schaden so gering ausfällt wie möglich? Oder machst du einfach die Augen zu und denkst an was anderes? Ich hoffe, die meisten würden Reaktionsweise 2 wählen. Und infolgedessen auch dann etwas gegen den Klimawandel tun, wenn sie selbst davon nur in Maßen noch profitieren. Hoffen wir, dass sich die nun entstehende Koalition dazu aufrafft, und hoffen wir, dass sie den Anstand und die Voraussicht besitzt, die Lasten dieser Veränderung nicht nur den Armen aufzubürden.

Die AFD hat sich ja nun leider verfestigt. Das legte es mir nahe, das folgende Werk mal näher anzusehen: „Rechte Gefühle“ analysiert dickleibig, manchmal sehr in Soziologendeutsch, aber nie lang- sondern meist kurzweilig (wenn einen Soziologendeutsch nicht stört), was eigentlich inhaltlich hinter Rechts steckt.

Die hervorragend belegte These des Autors Simon Strick: Aufgebläht durch multimediale Möglichkeiten (Social Media, Internet) mit ungeahnter Zielgruppenexpansion, können auch höchst schräge Wahnwelten schnell weltweit Anhänger*Innen finden. Das hervorstechende Merkmal rechter Wahnwelten ist dabei eigentlich, dass sie zur fundierten Theoriebildung gar nicht erst vordringen, sondern sich in der Erzeugung von Affekten erschöpfen. Insbesondere in dem, irgendwie benachteiligt zu sein, weil früher selbstverständliche Privilegien angetastet werden – zum Beispiel durch Gendern, Klimaschutz, Antirassismus und Flüchtlinge.

Wer ein ungerechtfertigtes Privileg einbüße, sei aber nicht benachteiligt, auch wenn sich das Scheiße anfühlt. Pech gehabt ist nämlich nicht dasselbe wie strukturell benachteiligt. Nicht benachteiligt ist nach dieser Diktion etwa die deutsche Arbeitskraft, die ihren Job zugunsten eines genauso gut qualifizierten Menschen anderer Hautfarbe einbüßt, der oder die zufällig auch hier lebt, nicht benachteiligt ist der männliche Vorstand, dessen Sitz in der nächsten Periode von einer „Quotenfrau“ eingenommen wird. Und nicht benachteiligt ist auch die deutsche Hartz-4-Empfängerin, die mit einer mittellosen Flüchtlingsfamilie aus Irgendwo um eine Wohnung konkurriert und den Kürzeren zieht. Vielmehr sind übergreifende Ansätze gefragt, um das Problem an sich zu beheben. Zum Beispiel sozialer Wohnungsbau, wenn es an bezahlbarem Wohnraum fehlt, oder der Abschied von der flächenfressenden Eigenheim-im-Grünen-Ideologie zugunsten verdichteter Wohnformen, in denen mehr Leute unterkommen. Denn letztlich gelten Menschenrechte für alle gleich. Das sehen die Betroffenen oft anders, und daraus speist sich laut Simon Strick viel von den Ressentiments, die Rechte auf die Straße treiben.

Außerdem leben Rechte davon, selbst ausgedachte und durchgeführte Ereignisse medial aufzublähen und darüber Bericht zu erstatten, meint Strick. Er belegt diese Thesen durchaus amüsant, manchmal aber auch zum Schaudern ernst an rund 30 reichlich bebilderten Beispielen aus dem Internet: Memes, Kampagnen, Verarbeitungen von Ereignissen, etwa an dem Meme Pepe the Frog oder den Protesten gegen das Recht auf Schwangerschaftsabbruch in den USA und ihre mediale Rezeption durch rechte Internet-Portale und -Medien. Aus Deutschland haben es die von Querdenkern inspirierten Proteste gegen die Corona-Maßnahmen in diese Hitliste geschafft. An ihnen zeigt der Autor auch, wie die Grenzen zwischen Ultrarechts und bürgerlicher Mitte beginnen zu verschwimmen. Vor allem aber zeigt Strick hier: Rechtes Denken und Fühlen ist nicht irgendwo anders, sondern mitten unter und sehr oft wohl auch in uns.

Das zweite Buch, mit dem ich mich auseinandergesetzt habe, befasst sich mit etwas sehr Alltäglichem: Mit Sand. Nur dass Sand längts zum knappen Gut und dadurch zum Politikum geworden ist. Denn der gelbliche Rieselstoff ist in den Qualitäten, wie sie zum Beispiel für Beton oder gewisse hochtechnologische Zwecke benötigt werden, längst nicht mehr ausreichend vorhanden. Vielmehr balgt man sich bereits um die Sandschicht auf den letzten noch einigermaßen intakten Küstenstreifen, wenn nur die Sandqualität passt. Um den globalen Bauboom in Gang zu halten, schreckt die Sand-Mafia auch nicht vor Mord, Totschlag, Erpressung und Kinderarbeit zurück.

Wer wissen möchte, warum Sandstrände absolut nicht selbstverständlich sind und Betongebäude eigentlich ein Luxus, sollte dieses Buch lesen. Gruseln angesichts der Perspektiven einer Welt ohne ausreichend Sand in den gewünschten Qualitäten inklusive.

Schließlich noch zu einem kleinen, schnell gelesenen Band zum Thema „Grünes Geld“: Wie vermehrt man sein Geld, was bedeutet Inflation, welche Varianten der grünen Geldanlage gibt es? Die Autorin ist Finanzberaterin, und wenn sie etwas gut macht, dann, die Grundlagen der Geldanlage zu erklären. Das Beste daran ist, wie deutlich sie macht, dass es beim langfristigen Anlageerfolg ganz besonders dringend darauf ankommt, das eigene Sicherheitsbedürfnis und die eigenen Ziele zu bestimmen. Denn sonst stimmt entweder die Rendite oder das Risiko nicht.

Was man hier nicht erwarten darf, ist Kritik etwa an nur leicht angegrünten Nachhaltigkeitsfonds oder konkrete Anlagetipps, etwa in Form einzelner Fonds oder ETFs. Diese gibt es in der letzten Zeit durchaus – so stecken in nach dem Best-in-Class-Prinzip konfigurierten Anlagen auch Firmen, die niemand ernsthaft als umweltfreundlich bezeichnen kann, nur weil sie es etwas besser machen als ihre Konkurrenten. Gut ist es, dass die Autorin vor scheinbar supergrünen Anlagen vom grauen Kapitalmarkt warnt, die zwar supergrün sind (zum Beispiel Investments in irgendwelche Solar-/Wind-/sonstige Anlagen oder auch Baumplantagen in Irgendwo), aber superriskant. Ich habe hier selbst leidvolle und äußerst teure Erfahrungen gemacht und kann nur davor warnen, solchen Sirenengesängen zu glauben.

Wer Grundlegendes zur (grünen) Geldanlage erfahren möchte, erhält hier also eine brauchbare, kurz gefasste und gut lesbare Einführung. Wer entweder ganz konkrete Tipps für die Anlageentscheidung möchte oder aber eine grundlegende Reflexion des wachstumsgetriebenen Wirtschaftsmodells sucht, ist hier falsch.

Bibliographie

Strick, Simon: Rechte Gefühle. Affekte und Strategien des digitalen Faschismus. Broschiert, 475 Seiten, zahlreiche Abbildungen in Schwarz-Weiß, Transcript-Verlag Bielefeld X-Texte 2021. ISBN 978-3-8376-5495-0,… Euro.

Beiser, Vince: Sand. Wie uns eine wertvolle Ressource durch die Finger rinnt. Gebunden, 315 Seiten. Oekom-Verlag München 2021. ISBN: 9-783962382452, 26 Euro.     

Brockerhoff, Jennifer: Grüne Finanzen. Von Altersvorsorge bis Geldanlage – der Ratgeber für Einsteiger*innen. 159 Seiten, broschiert, einige farbige Grafiken. Oekom-Verlag, München, 2021. ISBN 9-783962.382810, 16 Euro.

Ein Gesprächsaufruf und ein paar unwahrscheinliche Ereignisse

Liebe Leser*Innen, dies ist der letzte Blog vor den Sommerferien (bis Oktober) und der erste gegenderte, dem noch viele weitere folgen werden. Leider hilft das Gendern nicht gegen den Klimawandel und Wissenschaftsungläubige, das könnte höchstens ein kleines Buch schaffen, das ich heute empfehlen möchte.

Geschrieben haben es der aus dem Fernsehen bekannte Physiker Harald Lesch, der ja ziemlich gut erklären kann, und Klaus Kamphausen. In dem nur 125 groß gedruckte DIN-A-6-Seiten langen Bändchen sprechen sie über die Natur von Geistes- und Naturwissenschaften, warum sie sich derzeit oder oft missverstehen und was die Aufgabe der Politik ist (nämlich zwischen beiden zu vermitteln und auf Basis der naturwissenschaftlichen Fakten durch breite Diskussion entwickelte gesellschaftliche Wertentscheidungen in mehrheitsfähige Politiken umzusetzen).

Sehr schön klar erklärt Lesch den Unterschied zwischen natur- und geisteswissenschaftlicher Vorgehensweise. Naturwissenschaftler betrachten Phänomene, überlegen sich einen Erklärungsansatz, denken sich messbare Experimente aus, um diesen Ansatz mit Daten zu bestätigen, experimentieren, zweifeln die Ergebnisse der Experimente an, experimentieren wieder, und wenn sich immer wieder dieselben Resultate aus denselben Experimenten zur selben Theorie ergeben oder aber ergänzende Ergebnisse aus ähnlichen Experimenten kommen sie zu dem Schluss, dass eine Theorie oder eine Annahme bestätigt ist und somit dem gesicherte Faktenwissen hinzugefügt werden kann. Kommen sie nicht zu dem Ergebnis, verwerfen sie die Theorie und denken sich eine neue aus. Und dann dasselbe von vorn. Sehr oft aber geschieht dies auch nicht, weil es nicht genügend experimentelle Befunde gibt, die eine neue Theorie bestätigen.

Dass es ein oder zwei Abweichler*Innen gibt, die irgendwas behaupten, zählt da nicht, es sei denn, sie begäben sich auf den mühevollen Experimentierweg, bis ihre Beweise (Echte Daten aus Echten Experimenten!) schwerer wiegen als das von der bisherigen Mehrheit vorgelegten und ihre eigene Theorie bestätigen (so sie denn eine haben). Mit politischen Mehrheiten und Meinungsfreiheit hat also dieses Verfahren überhaupt nichts zu tun. Es geht nicht um Meinen und Entscheiden. Es geht um Wissen und darum, durch sklavische Methodentreue (das Experiment!) zu verhindern, dass Falsches als wahr angenommen wird und sich die spätere gesellschaftliche Meinungsbildung (siehe unten) auf Unsinn oder falschen Annahmen aufbaut.

Deshalb zweifelt heute niemand mehr daran, dass der Apfel wegen der Schwerkraft vom Baum fällt, und deshalb sollte dies auch niemand an Realität des Klimawandels und seiner Verursachung durch die Menschen tun. Und deshalb ändern sich gerade wissenschaftliche Erkenntnisse bei neuen Phänomenen nahezu täglich (hallo, Corona!). Denn es macht ja gerade die Wissenschaftlichkeit aus, nicht einfach zu behaupten, man wisse etwas, sondern Schritt für Schritt im Experiment zu lernen.

Geisteswissenschaftler*Innen machen es anders. Sie denken darüber nach, was die menschliche Gesellschaft zusammenhält, wie sie funktioniert, welche Werte sie hat oder haben sollte. Wie die Autoren schreiben, liefern sie eine Innenperspektive der Gesellschaft. Keine Fakten über die natürliche Welt, die die Gesellschaft umgibt. Dafür sind die Naturwissenschaften zuständig, weil sie genau dafür Methoden entwickelt haben.

Die Geisteswissenschaftler*Innen reflektieren also unter anderem darüber, welche Werte die Gesellschaft hat. Und wenden diese Werte auf die Erkenntnisse von Naturwissenschaft an. Hat also die Naturwissenschaft zweifelsfrei etwas ermittelt, kann sich die Gesellschaftswissenschaft ihre Meinung zum Umgang damit bilden – entlang der gesellschaftlichen Werte, und hier fängt die kontroverse Diskussion an. Sie fängt nicht dabei an zu diskutieren, ob es etwa ein Virus oder den menschengemachten Klimawandel gibt. Denn das ist (siehe oben) zweifelsfrei erwiesen.

Und die Politik? Die steht zwischen diesen beiden Welten und setzt die Ergebnisse von durch Diskurs gebildeten Wertentscheidungen in Handeln um. Wenn alle drei Bereiche miteinander reden – die Naturwissenschaftler*Innen über ihre Ergebnisse, die Gesellschaftswissenschaftler*Innen darüber, was diese Erkenntnisse im Licht gesellschaftlicher Normen und Werte bedeuten und die Politik darüber, welche Werthaltungen ihren Entscheidungen zugrunde liegen, schließt sich der Kreis. Bei Wahlen wählt man dann am besten diejenige Gruppierung, die den eigenen Wertvorstellungen am nächsten ist UND zweifelsfrei erwiesene Fakten anerkennt, also zum Beispiel nicht behauptet, Corona wäre eine Erfindung und der Klimawandel eine Folge von Sonnenflecken oder überhaupt unwichtig.

Weil es solche Zusammenhänge viel besser erklärt als ich das in der obigen Kurzfassung kann, ist das Buch uneingeschränkt allen zu empfehlen, die sich schon immer gewundert haben, warum Gespräche zwischen Geistes- und Naturwissenschaft manchmal so schwierig sind und warum Politik so ist wie sie ist.

Und sonst? Das neue Klimaschutzgesetz ist durch (ein Sieg für Fridays for Future), ALDI und REWE verabschieden sich ganz offiziell vom Quälfleisch (ein Wunder), was wohl mehr bewirken wird als die Einigung über die Landwirtschaftsförderung der EU (ein fauler Kompromiss)  wenn auch erst bis 2030. Es gab in Tschechien einen Tornado (für Klimawandel-Skeptiker ein Wunder oder ein Zufall, für die Klimawissenschaft zu erwarten) und eine Gewitterfront jagt die nächste (siehe vorherige Klammer). Die Bundestagswahlen nahen – ihre Ergebnisse und die sich daran anschließende Politik werden zeigen, wie ernst es Deutschland wirklich mit der Einhaltung der Klimaziele ist. Die Masken fallen, die Delta-Variante naht. Und Ungarns Regierung offenbart, dass sie Europa anscheinend nur als unerschöpfliche Geldquelle betrachtet, ansonsten aber mit den hiesigen Werthaltungen nichts zu tun haben will.

Bibliographie: Harald Lesch, Klaus Kamphausen: Denkt Mit! Wie uns Wissenschaft in Krisenzeiten helfen kann. Gebunden, DIN A 6, 127 Seiten. Penguin Verlag, München, 1. Aufl. 2021. ISBN 978-3-328-60221-7, 14 Euro.

Ein Urteil und eine Zeitreise, und der Wahlkampf fängt auch an

Vor kurzem hat das Bundesverfassungsgericht ein richtungweisendes Urteil gefällt. Fazit, umgangssprachlich ausgedrückt: „Ihr alten Säcke, kommt endlich in die Klamotten, setzt Euch selbst klare Zwischenziele bei der Klimarettung (so die überhaupt noch möglich ist), bis das Ziel erreicht ist, statt die Hauptarbeit den Jungen aufzubürden.“ Wer es etwas genauer möchte, schaut bitte hinter dem Link oben nach.

Fridays for Future sei Dank! Nun muss also nachgeschärft werden, was dann auch prompt erfolgte, übrigens unter erstaunlichen Beifallsbekundungen außer von der AfD (das wundert keinen). Ob konsequent genug geändert wurde, fragt man sich.

Jedenfalls wird im Moment der Plan der Grünen, Kurzstreckenflüge mittelfristig abzuschaffen, sofort genutzt, um eine angebliche Kontroverse zwischen der Kanzlerkandidatin und Grünen-Vorstandsfrau Annalena Baerbock und Robert Habeck, ebenfalls Parteivorstand, herbeizureden. Wer sehen will, wie tiefgreifend die Unterschiede zwischen ihnen wirklich sind, kann ja mal diese beiden Quellen betrachten: Einmal aus der Tagesschau zu den Baerbock-Plänen und einmal Habeck im ZDF.

Offen gesagt, ich sehe da keine so gravierenden Divergenzen, denn Habeck äußert sich gar nicht zu den Methoden, mit denen Kurzstreckenflüge abgeschafft werden sollen und hat denselben Zeithorizont wie Baerbock. Vielmehr fügt er nur das magische Wörtchen „Freiheit“ als Wertedimension hinzu (wovon? Wozu? Für wen?). Baerbock widmet sich dagegen dem Wie ohne Wertaussage.

Wahrscheinlich haben sie die internen Rollen so verteilt: Baerbock die hemdsärmelige Macherin, Habeck der Denker mit philosophischem Weitblick. Wenn das mal gut geht. Meine Wette: Wir werden erleben, wie nahezu jede Aussage der beiden jetzt so ausgelegt wird, als habe der eine hü und die andere hott geschrien, und das geht natürlich nicht in einer Bundesregierung! Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr als dass Grüne eine Regierung führen, scheint bei vielen Berichterstattern die Devise zu sein. Wir haben ja Wahlkampf.

Mein Rat: Das Führungspersonal der Grünen möge sich zu kritischen Problemen eine eiserne, einheitliche Sprachregelung verpassen, so schnell es geht, und die dann auch durchhalten, selbst wenn es innerlich manchmal knirscht im Gebälk. Sonst ist die einmalige Chance, dass hierzulande wirklich einmal was Neues passiert wahrscheinlich ausgestanden (nicht dass ich die Grünen für übermäßig revolutionär hielte, aber immerhin).

Tatsächlich fürchten sich schon viele vor dem, was sie jahrzehntelang herbeigesehnt haben und was nun endlich kommen könnte. Ob das wirklich schlimm wird, liegt aber an der Ausgestaltung. Denn bei allem sehr sinnvollen Klimaschutz muss man sich natürlich klar machen, dass 80jährige Rentner mit kleiner Rente und ungedämmtem Eigenheim aus den 50ern oder 60ern, und die gibt es gerade auf dem Land genug, wohl kaum noch eine neue Heizung einbauen oder die Wände dämmen werden (und oft finanziell auch gar nicht können).

Dasselbe gilt für die heute schon zu Recht stöhnenden Mieter in den Großstädten, will man nicht einen massiven Bewohnerwechsel forcieren. Denn der Anteil der Wohnkosten wächst – und dem Budget ist es egal, ob es nun wegen Mietsteigerungen, höherer Kohlendioxidpreise oder der dauerhaften (!?) Mitfinanizerung einer Sanierungsmaßnahme, auch wenn sie längst abbezahlt ist, überschritten wird. Hier muss tatsächlich ein Ausgleich her, dessen Gestaltung über den politischen Erfolg der Klimaschutzmaßnahmen entscheiden wird.

Viel Zeit wird jedenfalls fürs Thema Klimaschutz nicht mehr bleiben, wie ein wieder einmal leider recht düsteres Buch belegt. Diesmal handelt es sich um „Die Große Flut. Was auf uns zukommt, wenn das Eis schmilzt“. Der Autor ist Geologe und Spezialist für Eis (nicht das aus der Eisdiele). Er nimmt die Leserschaft in jedem Kapitel zunächst mit auf eine Reise an einen Ort, wo man ökologische und soziale Folgen des Klimawandels szenarioartig miterleben darf. Dann folgt die geologische Erklärung dafür, warum das im ersten Teil jedes Kapitels beschriebene Szenario tatsächlich wahr werden könnte.

Ward argumentiert mit den durch Bohrkerne nachweisbaren Kohlendioxidgehalten der Luft in der erdgeschichtlichen Vergangenheit und den durch Fossilfunde oder Schichtungen belegbaren klimatischen Bedingungen zu den entsprechenden Zeiten. Gleichzeitig erzählt er, was mit den Lebewesen unter bestimmten Bedingungen passiert. Wird es zu warm, sterben viele Arten aus. Die Meere verlieren massiv an Sauerstoffgehalt und verwandeln sich zu großen Teilen in öde Kloaken, in denen nur noch Anaerobier ein gutes Leben haben. Mit als erstes sterben die Korallen (sie tun es heute schon).

Am meisten erschreckt haben mich in dem Buch zwei Dinge: Erstens, dass Ward schreibt, der Weltklimarat sei in seinen Prognosen grundsätzlich zu vorsichtig, damit niemand den Fachleuten Katastrophismus vorwerfen könne. Das heißt, eigentlich ist alles schlimmer, als es heute in den Berichten steht.

Und zweitens eine Karte Norddeutschlands und der Niederlande, die sich an eine Szenarien-Beschreibung Hamburgs im Jahr 2095 (bei 780 ppm Kohlendioxid, abgeleitet aus den heutigen Ausstoßraten samt deren realistischer Entwicklung) anschließt. Diese Karte zeigt: Das Land rechts und links der Elbe nördlich von Hamburg wäre 2095 komplett überflutet – einschließlich der gesamten nordfriesischen Küste, der Wesermarsch, der Städte Bremen und Oldenburg.

Hamburg gibt es auf der Karte noch, aber als zwei Städte, getrennt durch eine nicht mehr überquerbare Elbe, die eher ein Arm der Nordsee denn ein Fluss ist. Das „Hoch im Norden“ ist im Szenario zu einem immer wieder überschwemmten Drogen- und Schmugglernest verkommen, in dem zwar die Verwaltung teils noch funktioniert, die technischen Infrastrukturen (Strom, U-Bahn, Wasser, Gas, Telekom) jedoch wegen der immer wieder stattfindenden Wassereinbrüche langsam aber sicher zugrunde gehen. Wo die Bremer und Oldenburger dann wohnen, wird nicht besprochen. In Bremen und Oldenburg aber ganz sicher nicht.

2095, das sind jetzt noch 73 Jahre. Legt man die Lebensjahre-Statistik zugrunde, werden diese Zeit die meisten Kinder, die heute zehn Jahre oder jünger sind, noch erleben. Denn in Deutschland werden Frauen im Schnitt etwa 83, Männer etwa 78 Jahre alt. Kurzum: Es gibt wirklich keine Minute mehr zu verlieren, wenn solche Szenarien verhindert werden sollen. Denn sie entspringen nicht einer übersteigerten Phantasie wie die Echsensaga der Q-Anon-Anhänger, sondern solider wissenschaftlicher Extrapolation.

Aber das wird sicher die notorisch Verschwörungsgläubigen nicht weiter beunruhigen. Reiche Gefolgschaft ist ihnen und ihren Thesen wahrscheinlich sicher, wie der verlinkte Artikel prognostiziert.

Zum Trost: Am Ende folgt in dem Buch auch ein Kapitel über denk- und durchführbare Gegenmaßnahmen, nach Grad des Risikos geordnet. Zeit für Diskussionen, ob Eingriffe in das Recht auf Kurzstreckenflüge, Kurzzeiturlaub in der Karibik oder Rasen auf der Autobahn eine unzumutbare Lebensstiländerung darstellen, wird wahrscheinlich eher nicht bleiben. Für die meisten Menschen vor allem außerhalb der industrialisierten Welt sind derartige „Grundfreiheiten“ ohnehin extrem weit von ihrer täglichen Realität entfernt.

Peter D. Ward: Die große Flut. Was auf und zukommt, wenn das Eis schmilzt. Oekom-Verlag München 2021. 250 Seiten, broschiert, ISBN 9-783-382490. 22 Euro.

Im März: Eine Überraschung, zweimal Nachdenken, Stadtbegrünung und ein kleiner Fluss in Hessen

Vor lauter Corona gerät die Ökologie als Thema etwas unter die Räder. Das ist traurig und wird im März revidiert. Es ist nämlich etwas geschehen. Die OECD hat anscheinend begriffen, das schonlange diskutiert wird. Dass nämlich das rein wachstumsausgerichtete ökonomisch Modell an seine Grenzen stößt und durch etwas anderes ersetzt werden muss. Der von der Heinrich-Böll-Stiftung ins Deutsche übersetzte Bericht „Jenseits des Wachstums – auf dem Weg zu einem neuen ökonomischen Ansatz“ fordert, dass sich Wirtschaft neue Ziele setzen muss als das bloße Mehr. Wachstum dürfe durchaus auch sein, die Wirtschaft müsse sich aber am Wohlbefinden des Menschen und der gesamten Gesellschaft ausrichten. Man glaubt es kaum!

Das ist großartig, wenn nur die Diskussion inzwischen nicht schon den nächsten Schritt gegangen wäre. Aus der Einsicht heraus, dass die Menschheit ihr Wohlbefinden dauerhaft wohl nur erhalten kann, wenn sie auch der übrigen Ökosphäre wesentlich mehr Raum zum (Über)leben lässt als heute, fordern inzwischen namhafte WissenschaftlerInnen, die Erde zu weit größeren Teilen als bisher vom menschlichen Einfluss zu befreien und der Wildnis zurückzugeben. Nur dann nämlich habe ökologische Vielfalt und habe die Evolution außerhalb der Virensphäre (die evolutioniert ja auch unter aktuellen Anthropozän-Bedingungen prächtig, wie wir derzeit jeden Tag neu erfahren) eine reale Chance. Dagegen lässt sich allerdings einwenden, dass die ökologische Vielfalt in Europa angeblich niemals so groß war wie im 18. Jahrhundert. Nur gab es damals sehr viel weniger Menschen, weshalb sich dieser Zustand wohl kaum zurückholen lässt. Wie die Menschheit geschrumpft werden soll, ohne ihre Freiheiten hefti zu beschneiden, wird meist nur zaghaft angeschnitten – meist läuft es auf einen freiwilligen Vermehrungsverzicht oder nur ein Kind für viele Menschen und ein, zwei Generationen hinaus. Wer keine Kinder hat, wird sagen, tue ich doch sowieso, der Rest wird das eher für eine verrückte, unmenschliche oder kranke Idee halten. Besser als Kriege, Hungersnöte und Epidemien ist sie aber allemal. Und es ist jetzt wirklich spannend zu beobachten, ob, wann und wie sich die OECD auch diesen Gedanken einverleibt. Meine Schätzung: Unter drei Jahrzehnten ist da nichts zu machen.

Ein wichtiges Thema ist nämlich im Moment das Ergrünen der Städte. Zwei Ausstellungen beschäftigen sich im derzeit mit diesem Thema – mangels Kontakterlaubnis wie so ziemlich alles virtuell.

In Frankfurt hat das Deutsche Architekturmuseum eine große Schau ausgerichtet. „Einfach Grün – Greening the City“ befasst sich vor allem damit, wie Gebäude begrünt werden können. Dafür zeigt die Ausstellung prominente und weniger prominente Beispiele. Außerdem werden konkret Teile des eigenen Gebäudes nach unterschiedlichen Methoden begrünt – einige bisher wenig genutzte Nischen der Ausstellungsräume mit Außenlicht. Leider kann man das alles vorläufig nicht live begutachten, doch auch der digitale Rundgang auf der Website gibt wertvolle Informationen. Dazu kommen diverse Interviews – etwa zwischen fünf und fünfzehn Minuten lang – mit den Architekten berühmter begrünter Gebäude. Sie bieten einen interessanten Einblick in deren individuelle Ideen und Konzepte, der über das hinausgehet, was Texte und Bilder leisten können. Für selbst Begrünungswillige am Interessantesten ist aber der Katalog, denn er liefert eine Fülle praxisrelevante Informationen darüber, was Begrünung bringt, welche Konzepte es gibt, welche Pflanzen sich eignen, welche Kosten und Pflegeaufwände zu erwarten sind und welche potentiellen Probleme zu berücksichtigen und möglichst schon beim Konzipieren zu vermeiden sind.

Dem hessischen Flüsschen Modau hat der auch in der universitären Journalistenausbildung tätige Umweltjournalist Torsten Schäfer ein literarisch-populärwissenschaftliches Denkmal gesetzt. Er recherchierte im Hitzesommer 2018 auf Streifzügen entlang dem Fluss seiner Kindheit dessen Befinden, Geschichte, Gebräuche und Anwohner – vom Quellgebiet der Modau und ihrer Zuflüsse bis zur Mündung. Dabei kristallisiert sich ein facettenreiches Bild der Situation heraus, der sich heute alle natürlichen Gewässer in Deutschland gegenübersehen: Romantisierung und Mystifizierung einer-, gnadenlose Nutzungskonkurrenz durch verschiedene wirtschaftliche Interessen andererseits, die gravierenden Auswirkungen des Klimawandels, daneben die oft mühseligen Versuche von Biologen, Naturschützern oder Forstleuten, am Fluss bewahrend-naturpflegerisch tätig zu werden. Dazu kommen aktive Laien, denen es schlicht um die Erhaltung des Landschaftsbildes und einige seiner Elemente geht, wenn sie in ihrer Freizeit beispielsweise vertrocknenden Brunnen und Quellen wieder zu Wasser verhelfen. Schäfer beobachtet präzise und scheut sich nicht, auch eigene Gefühle und Befindlichkeiten zu benennen. Die kurzen Textabschnitte laden zum langsamen, gründlichen Lesen ein. Die sorgfältige Umschlaggestaltung und in den Text eingestreute Zeichnungen machen den Text auch zu einem bibliophilen Genuss.

Doch an Corona komme ich auch im März nicht vorbei. Diesmal geht es um zwei weitere Bände aus der Interviewreihe „rausgeblickt“, die von der Friedrich-Ebert-Stiftung herausgegeben wird. Von zweien war bereits im Februar die Rede. Im Band „Pandemie und Geschlechter“ spricht Alexander Behrens, Verlagsleiter des herausgebenden Dietz-Verlages, mit der freien Journalistin und Chefredakteurin des Online-Magazins „Edition F“ darüber, was Corona mit den Geschlechterverhältnissen anstellt. Fazit: Viel Rückschritt, aber auch die Chance, Dinge neu zu regeln. Etwas irritierend bei diesem Gespräch ist, dass die beiden Beteiligten streckenweise aneinander vorbei zu reden scheinen oder zumindest Probleme haben, die Position des jeweils anderen komplett nachzuvollziehen. Ein typisches Mann-Frau-Problem?

Das zweite Interview aus der Reihe – Thema: Pandemie und Gesellschaft – führt Christian Krell (siehe Februar) mit  Thema ist, ausreichend Anlass, lange Interviews mit der Sozialdemokratie nahe- oder zumindest nicht allzu fern stehenden DenkerInnen zu brennenden Themen der Zeit zu führen. Die verschriftlichten Gespräche erscheinen nun Schritt für Schritt als etwa 70seitiges Bändchen im Dietz-Verlag in der Reihe „rausgeblickt“. Führt Christian Krell (siehe Februar) mit Heinz Bude, an der Universität Kassel Professor für Makrosoziologie. In dem Gespräch geht es vor allem um einen neuen Solidaritätsbegriff, den man, so meint Bude, heute jedenfalls in den westlichen Industriegesellschaften nicht mehr aus dem Gegensatz zwischen Kapital und Arbeit und dem Abwehr-Zusammenschluss der Arbeiterschaft heraus begründen könne. Vielmehr liege die Begründung in der Einsicht in die Verletzlichkeit des Einzelnen, wie sie gerade die Corona-Pandemie vermittle. Die sich solidarisierenden Einzelnen, werden hier zueinander und letztlich auch zum Staat auf Augenhöhe gedacht, was andere Formen des gleichberechtigten Gebens und Nehmens bedingt. Bude spricht sich dafür aus, Eigentum an Grund und Boden als prinzipiell begrenzter Ressource abzuschaffen und durch Erbpacht-ähnliche Konstrukte zu ersetzen. Das ist ein interessanter Gedanke, der gerade rechtzeitig zur Hamburger Einfamilienhaus-Debatte kommt.

Zeigt doch jeder dieser übermäßig warmen Februartage, dass es mit den Veränderungen zu mehr Ökologie eigentlich gar nicht schnell genug gehen kann. Und dass diese Veränderungen sich mitnichten ausschließlich auf den Einsatz neuer, umweltschonender Technologien werden beschränken können. Vielmehr sind auch gesellschaftliche und wirtschaftliche Veränderungen nötig, wenn die Menschheit langfristig zur Ökosphäre kompatibel werden soll.  

Und nicht zuletzt: Bücher kauft man in der nächstgelegenen oder einer anderen Buchhandlung. Das schafft Arbeitsplätze in der Nähe und ist zudem meistens ein Vergnügen. Und wer es selbst nicht schafft, bestellt dort und lässt sich das Werk schicken. Geht genauso schnell wie bei… na, Sie wissen schon!