Im September möchte ich zwei Bücher vorstellen, von denen eines theoretisch den ganz großen Wurf versucht, während das andere konkret und anschaulich die Mühen eines einzelnen Unternehmens beschreibt, nachhaltig zu werden. Beides macht nicht unbedingt optimistisch, was die Rettung der globalen Umwelt und damit letztlich unserer Form der Zivilisation angeht.

Beginnen wir im Großen: Der Ökonom Heiner Flassbeck, der lange als Chefvolkswirt für die Vereinten Nationen gearbeitet hat, macht sich in seiner Streitschrift „Der begrenzte Planet und die unbegrenzte Wirtschaft – Lassen sich Ökonomie und Ökologie versöhnen?“ Gedanken darüber, warum bislang trotz vieler internationaler Treffen, vollmundiger Vereinbarungen und einem geradezu unübersehbaren Flickenteppich lokaler, regionaler, staatlicher und internationaler Maßnahmen nicht gelungen ist, den Kohlendioxidausstoß weltweit wirksam zu senken.

Das nämlich liege am Markt, der hier seine Funktion, alle vorhandenen Güter an die Abnehmer zu bringen, so auch fossile Brennstoffe, geradezu phantastisch wahrnehme. Wegen der Marktmechanismen von Angeboten, Preisen und Nachfrage nämlich führten, so Flassbeck recht einleuchtend, Minderverbräuche beispielsweise aufgrund der deutschen Energiewende sofort wieder zu Mehrverbräuchen anderswo, weil dann der Rohstoff billiger werde und damit für viele gerade mit wenig Geld die interessanteste Alternative.

Helfen könne dagegen, wolle man die Demokratie an sich erhalten, nur ein weltweitgleicher, kontinuierlich und vorhersehbar so lange steigendfer Kohlendioxidpreis, bis es sich nicht mehr lohnt, fossile Energieträger zu nutzen. Gekoppelt werden müsse dieser Mechanismus mit Vereinbarungen mit den Erzeugerländern, die für diese so attraktiv sind, dass sie ihre fossilen Ressourcen in der Erde lassen. Und mit einem lokalen und globalen Sozialausgleich, vulgo: Umverteilung, der verhindert, dass die ärmeren Menschen der Welt den Preis der Umstellung mit ihren höheren Preisen für fossile Energie bezahlen, während sich die Reichen dank dicker finanzieller Polster vieles doch noch leisten können. Für junge Menschen in den westlichen Ländern hieße das, so Flassbeck deutlich, vor allem eines: Verzicht, und ob sie dazu bereit sind, zweifelt er an.

Einen Weg zu den von ihm vorgeschlagenen Veränderungen skizziert Flassbeck nicht. Zudem ist das Buch gewürzt mit Polemik: Vom Funktionieren der Wirtschaft hätten die meisten Menschen und auch Politiker keine Ahnung, sie seien diesbezüglich geradezu dumm. Dem Egoismus der Firmen, die fossile Energie erzeugen und der produzierenden Unternehmen, die auf deren Ressourcen bauen, müsse man entgegentreten. Fragt sich nur, wie. Flassbeck fordert, Grüne müssten sich vom Neoliberalismus lösen, ihr ökonomisches Profil schärfen und sich von zur ökologischen Wirkungslosigkeit verdammten grün-schwarzen Koalitionen fernhalten. Das mag alles stimmen, ändert aber nichts an der globalen Wirkungslosigkeit. Denn Flassbeck übersieht dabei, dass es in vielen Erzeuger- und auch Verbraucherländern überhaupt keine einflussreichen grünen Parteien gibt. Zurück bleibt Ratlosigkeit.

Wie man ein Unternehmen transformiert

Das ist bei „Fliegen lassen. Wie man radikal und konsequent neu wirtschaftet“ anders. Geschrieben hat das Buch Hans-Dietrich Reckhaus, der in der zweiten Generation ein Familienunternehmen für Insektenvertilgungsmittel für den Privatbereich leitet. Reckhaus beschreibt minutiös einen zehnjährigen Prozess, in dessen Verlauf er sein Unternehmen zu einer Firma, deren Ziel es eher ist, Insekten zu schützen und zu mehren, allerdings ohne den Anspruch aufzugeben, die kleinen Peiniger von menschlichen Behausungen fernzuhalten.

Wie diese Quadratur des Kreises mit der Zusammenarbeit mit einem Künstlerduo zwecks neuer Werbeideen begann und bis heute zu einem veränderten Produktportfolio, Auftreten und vielen Quadratmeter Insektenweide führte, liest sich amüsant. Es macht aber auch nachdenklich. Denn Reckhaus rannte jahrelang gegen Wände, musste Unglauben und Zweifel sowohl von Naturschützern als auch seitens seiner Kunden und Mitarbeiter überwinden und schaffte es nur dank eines geradezu unwahrscheinlichen Durchhaltewillens. wenn allein die Umstellung eines mittelständischen Betriebes, die noch immer nicht vollständig abgeschlossen ist, ein Jahrzehnt dauert, wie soll dann die gesamte Wirtschaft rechtzeitig ihre Richtung wechseln, bevor es zu spät ist?

Doch man kann die Sache auch andersherum betrachten: Es müssten nur alle einigermaßen gleichzeitig anfangen, um vielleicht doch innerhalb von zehn, zwanzig Jahren unser ökonomisches Modell vom Kopf wieder auf die Füße zu stellen. Die günstigstenfalls fest auf einer lebensfähigen Erd-Biosphäre ruhen würden. Außerdem zeigt das Buch, dass Querdenker, Kunst und Kultur einen unverzichtbaren Beitrag zu einer derartigen Wende leisten können.

Übrigens: Bücher kauft man am besten in der lokalen Buchhandlung!

Bibliographie: Flassbeck, Heiner: Der begrenzte Planet und die unbegrenzte Wirtschaft. Lassen sich Ökonomie und Ökologie versöhnen? Broschiert, 173 Seiten. Westend-Verlag, Frankfurt, 2020. ISBN 978-3-86489-312-A, 18 Euro

Reckhaus, Hans-Dietrich: Fliegen lassen. Wie man radikal und konsequent wirtschaftet. Broschiert, 183 Seiten, aufwändige grafische Gestaltung. Murmann-Verlag, Hamburg, 2020

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