Rezension: Eine andere Chemie ist möglich

Die Chemiebranche ist eine der mächtigsten der Wirtschaft, und sie baut bis heute entscheidend auf der Nutzung von Erdöl auf. Die Energiewende ist also zwangsweise wohl auch eine Chemiewende, und genau von dieser handelt das Buch „Stoffwechsel“ von Herrmann Fischer, Chemiker und Geschäftsführer von Auro Naturfarben und insofern absolut glaubwürdig. Wer verstehen will, was der Abschied vom Öl für die Chemieindustrie und die Verbraucher bedeutet und wie weit oder besser nicht weit die Entwicklung hier schon fortgeschritten ist, sollte dieses Buch lesen. Darin erläutert der Autor, ohne mit für viele rätselhaften chemischen Strukturdiagrammen um sich zu werfen, was ölbasierende Chemie energetisch bedeutet, warum wir uns von ihr verabschieden müssen und wie die Alternativen funktionieren. Die basieren – wen wundert`s letztlich natürlich vollkommen auf der von der Sonne auf die Erde eingestrahlten Energie und den so erzeugten Pflanzen, Farben, Wirkstoffen (in Pflanzen) etc. Das Ganze liest sich manchmal fast wie ein Krimi, manchmal auch etwas betulich, auf jeden Fall aber immer interessant und lehrreich. Das Buch öffnet die Augen dafür, dass der Abschied vom Öl weit mehr bedeutet als nur Solarpaneele aufs Dach zu schrauben.

Die bibliographischen Daten:

Fischer, Hermann: Stoffwechsel. Auf dem Weg zu einer solaren Chemie für das 21. Jahrhundert. Gebunden, 301 Seiten, Kunstmann-Verlag, München 2012. ISBN9-783888-977848, 19,95 Euro.

Indikatoren-Bericht der Wohlstands-Enquete: Zehn oder drei oder vier indikatoren???

Die „grosse“ Presse wusste es schon heute morgen, dafür hat „anderewirtschaft“ sich der Mühe unterzogen und die gesamte Verhandlung der Enquete zu den neuen Indikatoren, die „Wohlstand, Wachstum und Lebensqualität“ hoffentlich irgendwann messen sollen, angehört. Und insofern auch mitbekommen, wo die (nicht weiter überraschenden) Bruchlinien und Konflikte liegen. Das rund 140 Seiten lange Gutachten schlägt ein Indikatorensystem mit zehn Indikatoren aus drei Feldern (Wirtschaft, Soziales, Ökologie), dazu sogenannten „Warnlampen“ und eine „Hinweislampe“ vor, die immer dann leuchten sollen, wenn da irgendwas nicht so läuft wie gewünscht. Es steht im pdf auf Seite 75. Hier wird also in Zukunft vielleicht eine Menge leuchten. Interessant ist der Ansatz, bei z.B. einer Internet-Präsentation, wie es auch die OECD mit ihrem Better-Life-Index tut, jedem Einzelnen zu ermöglichen, durch individuelle Gewichtung der einzelnen Indexanteile seinen individuellen Wohlstandsindex zu errechnen. Die Kommission schlägt das vor.
Minderheitsvoten gab es von Linken (22 seiten) und Grünen (8 Seiten).
Am Ende blieb also nicht viel von der anfänglichen Eintracht übrig. Grüne und Linke monierten vor allem, dass das Indikatorenbündel zu umfangreich sei. Grüne wünschten sich vier Indikatoren, die Linke nur drei, die jeweils bestimmte Sektoren erfassen sollten. Das wichtigste Argument war dabei immer, dass eine Vielfalt von Indikatoren sich nicht wirksam kommunizieren lässt. Außerdem wurde moniert, dass die von der Mehrheit gewünschten Indikatoren der Wohlstandsmessung die ungleiche Vermögensverteilung nicht ausreichend widerspiegeln. So will der Vorschlag die Wohlstandsverteilung in 80/20-Perzentilen messen, die Linken wollen das 100. und das erste Perzentil gegenüberstellen, um die Schere dort zu zeigen, wo sie am weitesten auseinanderklafft, und die Grünen wollen wieder etwas anderes. Außerdem gibt es Divergenzen hinsichtlich der Vermögensmessung. Hinsichtlich der Umweltindikatoren (vorgeschlagen: CO2-Ausstoß, Stickstoffüberschuss national, Vogelindex) wurde kritisiert, dass bereits vorhandene Indikatoren z.B. des deutschen Nachhaltigkeitsberichts nicht ausreichend einfließen und dass das Thema „übersteigerter Ressourcenverbrauch“ sich in den Daten nicht wiederspiegelt. Am Ende gab es dann starken Tobak: Von „BIP-Wölfen“ (denjenigen, die das BIP durch die Indikatoren für ausreichend modifiziert halten) war zum Beispiel seitens eines Grünen-nahen Vertreters die Rede. Der Ausflug ins Tierreich wurde von der Versammlungleiterin ausdrücklich kritisiert.
Schließlich wurde der Vorschlagstext, wie bei den Mehrheitsverhältnissen in der Kommission nicht anders zu erwarten, mit jeweils wenigen Enthaltungen und Gegenstimmen angenommen.

Kommentar: Zunächst: Was ich an dem Bericht besonders geschätzt habe, ist die Erklärung der diversen Wohlstands-Messverfahren jenseits des BIP und auch die Einführung in das, was andere Kommissionen international schon zu dem Thema Alternative Wohlstandsmessung erarbeitet haben. Insofern lohnt sich die Lektüre des Originaltextes auf jeden Fall, auch wenn man diverse Zeitungsartikel gelesen hat. Die Sprache ist klar und verständlich, das Vorgehen wird sauber erläutert, und es gibt einen umfangreichen Quellenteil. Insofern also bravo für dieses einigermaßen volksnahe Stück Parlamentsliteratur.
Dennoch gibt es seitens „anderewirtschaft“ natürlich auch Kritik an den Ergebnissen: Besonders auffällig ist die im gegenwärtigen politischen Diskurs übliche breiartige Auswälzung des Nachhaltigkeisbegriffs auf alles Mögliche. Leider scheint unsere politische Kaste noch immer nicht verstanden zu haben, dass nun einmal die ökologische Nachhaltigkeit aufgrund der Tatsache, dass wir auf EINER Erde leben und auch in alle absehbare Zukunft nur EINE Erde zur Verfügung haben werden, das wichtigste Maß für dauerhafte Nachhaltigkeit ist. Wenn unser BIP oder aber der Bildungsstand auch weiter Bevölkerungskreise kräftig weiter wachsen, dafür aber kein sauberes Wasser oder kein Boden mehr da sind, auf dem wir etwas anbauen können, dann wird dies irgendwann alle anderen Indikatoren gravierend negativ beeinflussen. Auch im neuen System der Indikatoren steht das BIP wie gewohnt links oben, wird also automatisch die meiste Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Die Indikatoren zur ökologischen Nachhaltigkeit stehen wie üblich ganz links, erscheinen also eher als schmückendes Beiwerk, als „nice to have“. Dabei ist es leider in Langfristperspektive genau umgekehrt, allerdings ist die doch etwas länger als die vierjährige Wahlperiode des Bundestages.
Was mir vollkommen abgeht, ist eine Umrechnung der Daten für Kohlendioxidausstoß und Stickstoffüberschuss auf Pro-Kopf-Werte, denn nur so wird ein Schuh daraus. Dass bevölkerungsreiche Länder wie Indien oder China jetzt oder irgendwann absolut einen höheren Kohlendioxidausstoß haben als die USA oder Deutschland, ist angesichts ihrer sehr viel höheren Einwohnerzahl nämlich durchaus in Ordnung. Was natürlich nicht heißen soll, dass gelbe Luft in Peking zu verteidigen wäre. Nur geben nationale, nicht auf Pro-Kopf-Werte umgerechnete Daten leider ein schiefes Bild. Daten zum Ressourcenverschleiß im Umweltbereich wegzulassen, finde ich angesichts der gegenwärtigen, auf Verschleiß und Neukauf ausgerichteten Stoffströme leichtfertig, die Diskussion geht hier leider erst los und könnte unser Wachstumsmodell ziemlich ins Wanken bringen.
Und ob es bei der Wohlstandsmessung sinnvoller ist, die Einkommen der oberen oder unteren Prozente (und wie vieler von ihnen) aufzusummieren und dann diese Summen ins Verhältnis zu setzen oder ob man nur zwei dünne Ein-Prozent-Scheiben (nämlich beim 80/20-Perzentil die von unten 80. und die von unten 20.) verwendet und in Relation setzt, ist sicher sehr umstritten. Die Ergebnisse werden sehr unterschiedlich sein. Eins ist allerdings klar: Je weiter oben respektive unten man ansetzt, desto größer werden die Differenzen – und damit umso härter die Aussagen. Dies besonders, da die Einkommensverteilung nicht etwa der aus der Statistik bekannten, guten alten Glocken-, sondern eher einer Exponentialkurve zu folgen scheint. Immerhin erläutert der Bericht aber, was man warum gemacht hat, und das ist schon mehr als viele andere Berichte leisten.

Mit 16:14 entscheidet Wohlstands-Enquete für Koalitionsantrag als Beratungsgrundlage

Der Wahlkampf wirft seine Schatten voraus: Weil man sich nicht einigen konnte, erfolgte eine Abstimmung aus der das Papier der Regierungskoalition als weitere Beratungsgrundlage hervorging. Daraufhin verließ mindestens ein Enquete-Mitglied den Raum. Damit hat bereits der Wahlkampf über die übergreifende politische Vernunft gesiegt. Die Beratungsgrundlage (also das Papier der Regierungskoalition) kann jetzt nur noch durch einzelne Änderungsanträge verändert werden.

Bundestags-Enquete streitet sich über Wohlstand, Wachstum und Lebensqualität

Die 2011 einberufene Bundestags-Enquete zu Wachstum, Wohlstand und Lebensqualität kann sich nicht über die Bedeutung und Inhalt des Wachstumsbegriffs und auch nicht über die fehlende oder vorhandene Notwendigkeit von Wachstum einigen. Das stellte sich heute anlässlich der vorläufigen Ergebnispräsentation der Projektgruppe 1: Stellenwert von Wachstum in Wirtschaft und Geselllschaft. Die Gruppe war nicht im Stande, eine einheltiches Papier vorzulegen, sondern wird zwei präsentieren, in denen sich die in Kernbereichen divergierenden Ansichten zur Notwendigkeit von Wirtschaftswachstum widerspiegeln. Damit reflektiert die Enquete genau den derzeitigen Stand des Konflikts zwischen Befürwortern dauerhaften Wachstums und einer zunehmenden Menge an Zweiflern, die glauben, dass es auf einem begrenzten Planeten kein unbegrenztes materielles Wachstum – welcher Art auch immer – geben kann.
Dieser Stand der Dinge macht es unwahrscheinlich, dass die Enquete insgesamt zu einem sinnvollen Konsens findet. Vielmehr steht zu befürchten, dass der Graben zwischen Wachstumsbefürwortern und -gegnern weiter geöffnet wird. Was ja nun leider auch der Tatsache entspricht, dass man nicht gleichzeitig wachsen und nicht wachsen kann. Man darf gespannt sein, ob und wie wie das mit Spannung verfolgte Gremium aus diesem Dilemma herausfindet (und das im Wahlkampf, die Chancen stehen also nicht gut).