Ökologische Transformation: Warum es meistens (noch) nicht geht und wie es ist, wen man es ernsthaft versucht

Und hier sind nun auch noch einige Rezensionen zum Thema Ökologische Transformation, oder genauer gesagt: darum, warum es sie (noch?) nicht gibt. Ein Buch dazu, wie Corona die ökologische Schnelltransformation durch Daheim- und Hierbleiben befördert, gibt es leider noch nicht, aber das folgt sicher demnächst. Schließlich sind beide Begriffe überall, und die Karten mit der Luftqualität in China vor und nach Beginn der Quarantänemaßnahmen waren sehr eindrucksvoll.

Zum Status Ende 2019: Der Kohlendioxid-Ausstoß Deutschlands ist in den vergangenen zwei Jahren gestiegen, die Vorreiterrolle dieses Landes beim Klimaschutz ist Geschichte, und 4800 Kohlekumpel haben gefühlt mehr Bedeutung als sechsstellige Arbeitsplatzverluste in der heimischen Solar- und Windindustrie.

Was also ist los in diesem Land, in dem jedes Wirtschaftsunternehmen in vollkommen abstrusen Zusammenhängen von Nachhaltigkeit (nur zur Aufklärung: gemeint ist, dass man über längere Zeit mit irgendwas viel oder gar immer mehr Geld verdienen kann) und Ökosystemen (gemeint ist das Kontaktnetz, das Firmen um sich legen, um gut und günstig an Kunden und Lieferanten zu kommen oder sonst ihren Einfluss zu mehren) redet?

Immer mehr Bücher kommen auf den Markt, die sich genau damit beschäftigen. Zwei Beispiele sollen hier aufgeführt werden. Das erste ist sozusagen ein Erfahrungsbericht. Der Autor, Bernd Ulrich, schrieb lange Zeit für die Zeit. Er schildert in seinem Buch „Alles wird anders“ zunächst, wie er überhaupt zu seinem berufs- und gesellschaftstypischen recht aufwändigen Lebenswandel gekommen ist, nämlich ganz selbstverständlich.

Wie wir wurden, was wir sind

Wenn man Ulrich liest, wird klar: Es ist gar nichts Besonderes nötig, um viel Kohlendioxid in die Luft zu pusten. Man muss alles nur so machen, wie es alle machen. Dann setzt er sich mit den Widersprüchen im eigenen und dem Ökoverhalten anderer auseinander. Denn der gute Wille ist ja bei vielen durchaus da – zumindest auf bestimmten Segmenten. Wer nicht gerne Fleisch isst, lässt es eben ganz weg, fliegt aber trotzdem in den Urlaub. Wer Autofahren schon immer zu teuer und zu blöd fand, spart sich in der Stadt das eigene Auto, isst aber möglicherweise wirklich zu gern die gute Wurst vom Metzger nebenan, um darauf nun auch noch zu verzichten. Man fährt in der Stadt Fahrrad, weil das sowieso viel schöner ist, braucht aber dringend jedes Jahr ein neues Smartphone. Und so weiter.

Die (uns allen wahrscheinlich wohlvertratuten) Verhaltensweisen werden im Diskurs mit anderen Zeitgenossen gern durchaus geschickt verargumentiert, und genau mit diesen Argumenten setzt sich der Autor auseinander und seziert sie. Das Schöne daran ist, dass sich das Buch trotzdem gut liest und spannend ist. Wer der allgemeinen gesellschaftlichen Trägheit in Sachen Ökologie etwas mehr auf die Spur kommen will, ist hier gut bedient. Vorausgesetzt, man erträgt es, auch die eigene Lieblingsausrede in dem Buch zu finden, die einen daran hindert, an sich vollkommen vernünftige Verhaltensweisen auch tatsächlich auszuüben.

Wir Komplicen

Dass es sich einfach liest, kann man von „Nachhaltige Nicht-Nachhaltigkeit“ von Herausgeber Ingolf Blühdorn, erschienen in der Reihe X-Texte des Marburger transcript-Verlages nicht unbedingt behaupten. Die soziologische Analyse der – gemessen an der Dimension der gesellschaftlichen Aufgabe – geradezu horrenden Untätigkeit in Sachen realer Koholendioxid-Reduzierung kommt zu einem provokanten Schluss: Dier Umweltbewegungen in den Industrieländern und auch die grünen Parteien sind selbst ein Teil des Beharrungsvermögens. Denn ihre Teilnehmer*innen sind genau so wenig wie irgendjemand anders bereit, auf irgendwas ernsthaft zu verzichten, so lange sie es wirklich haben wollen. Folgt man Blühdorns Argumentation, bilden Umweltbewegungen und -parteien ein nützliches gesellschaftliches Feigenblatt, dessen Auftreten lediglich über den rasenden Stillstand in Sachen Nachhaltigkeit hinwegtäuscht, ohne wirklich etwas zu ändern.

Da die grünen Parteien der politische Hoffnungsträger der ökologischen Transformation sind, sieht es für die Fähigkeit der repräsentativen Demokratie, den Wandel herbeizuführen, so Blühdorn, schlecht aus: Wer zu harte Einschnitte fordert, wird ganz einfach nicht gewählt, so dass die Parlamente gerade immer so grün werden, dass es keinem wirklich weh tut. Das Dilemma belegt Blühdorn argumentativ eindrucksvoll und unterlegt es mit zahlreichen Hinweisen auf Sekundärliteratur (auch sehr vielen auf eigene Werke). Ein Beispiel ist das Thema Umverteilung: Sie würde es Armen erst ermöglichen, beispielsweise Öko-Food zu essen, Reichen aber abverlangen sich von Überkonsum zu verabschieden. Doch das Bäh-Wort der radikalen Marktwirschaft wird beispielsweise in der klassischen Politikdiskussion um das Thema Nachhaltigkeit meistens grundsätzlich umgangen. Obwohl in den USA und anderen Ländern die Steuer-Obergrenze lange bei über 80 Prozent lag.

Wie das ökologische Dilemma der Demokratie zu beheben wäre, ohne einer Ökodikatatur das Wort zu reden, weiß Blühdorn auch nicht und sagt das auch ganz klar. Dabei beruft er sich auf das Vorrecht der Wissenschaft, Zustände zu benennen und tiefgehend zu analysieren, auch wenn man noch kein fertiges Rezept in der Hand hat, den Missstand in Wohlgefallen aufzulösen.

Das Buch ist keine lustige Lektüre und stimmt nicht optimistisch. Am ehesten könnte man es vielleicht als Weckruf betrachten. Das grüne Gehirn lässt sich damit jedenfalls wunderbar mal gegen den Strich bürsten.

So könnte es gehen – wenigstens im Kleinen

Hier könnte ein anderes Buch hilfreich sein, das der oekom-Verlag in München produziert. Auch hier hat eine (ehemalige) Redakteurin geschrieben, allerdings mit Janine Steeger eine, die vorher als Moderatorin für das Privatfernsehen tätig war und in Going Green ihre ganz persönliche „Ergrünung“ beschreibt.

Der Grund für diese radikale Wende in ihrem Leben war ein recht elementarer: 2011 bekam Steeger ein Kind und machte sich plötzlich Sorgen darum, wie dieses Kind in einigen Jahrzehnten noch gut leben könne, wenn alles in Sachen Umwelt so bleibt wie es ist respektive schlimmer wird. Denn das ist die unausweichliche Folge des Weiter So.

Dann begann sie systematisch ihr Leben umzukrempeln, und die Leser*Innen werden Zeug*Innen dieses Umkrempelungsprozesses. Zu dessen recht frühzeitigen Folgen gehörte es, dass Steeger ihr Dasein als Fernsehmoderatorin aufgab und heute als „Green Janine“ durch die Lande tourt, Seminare und Vorträge hält, um andere Menschen von der Sinnhaftigkeit und Machbarkeit eines solchen Schrittes zu überzeugen.

Dankenswerterweise verschweigt Steeger auch nicht die Fallstricke und Probleme dieses Prozesses. Er dauerte etwa zwei Jahre, bis das Ausmaß der Veränderungen reichte, um dieses Buch zu schreiben. Die Autorin verhehlt auch nicht, dass es Transformationswilligen heute noch sehr schwer gemacht wird, weil viele Gesetze und Regeln es eher vereinfachen, die Umwelt weiter zu versauen als etwas für eine anständige Kohlendioxidbilanz zu tun.

Vor allem aber macht sie klar, wie viel Spaß das Ganze ihr und ihrer Familie gemacht hat, mit welchem Vorgehen sie die besten Erfahrungen sammeln konnte. Und dass ihre Lebensqualität sich durch den Abschied von Überkonsum und Übermobilität nicht verringert, sondern erhöht hat. Insofern sollte man dieses Buch, das sich schnell und unterhaltsam liest (auch für schlechte Augen geeignet, da relativ große gedruckt) vielleicht im Anschluss an das erste oder zweite lesen, um das angekränkelte Hoffnungsbudget wieder aufzupeppen.

Bibliographie

Bernd Ulrich: Alles wird anders. Das Zeitalter der Ökologie. Kiepenheuer&Witsch, 2019, Broschiert, ca. 224 Seiten, 16 Euro (Kindle 14,99) ISBN 978-3-462-05365-4.

Ingolf Blühdorn (Hrsg). Nachhaltige Nicht-Nachhaltigkeit. Warum die ökologische Transformation der Gesellschaft nicht stattfindet. Transcript-Verlag, Reihe X-Texte- Marburg, 2020. Broschiert, 330 Seiten, ausführliches Literaturverzeichnis zu jedem Beitrag. 19,99 Euro (pdf-eBook 17,99 Euro), ISBN 978-3-8376-4516-3

Janine Steeger: Going Green. Warum man nicht perfekt sein muss, um das Klima zu schützen. Oekom-Verlag München 2020. Broschiert, 173 Seiten. 16,00 Euro (ePub 12,99 Euro), ISBN 978-3-96238-176-9

Andere Wirtschaft im März: Im Zeichen von Corona

Was Globalisierung im negativen Sinn bedeutet, lässt sich derzeit am Gesundheitswesen trefflich studieren: Die Erzeugung von Medikamentenrohstoffen wird aus Opportunitätsgründen (mehr Kohle für die Produzenten, geringere Kosten für Patienten) in Niedriglohnländer ausgelagert. Vorratshaltung ist verpönt, das Lager der Just-in-Time-Gesellschaft befindet sich auf der Straße, der Schiene oder dem Ozean. Und bei Reisebeschränkungen eben nirgendwo.

Die Just-in-Time-Mentalität sorgt zusammen mit Hygienie-Hysterie auch bei denen, die Desinfektionsmittel gar nicht brauchen (das fürs Seuchenmanagement mit zuständige Robert-Koch-Institut weist darauf ausdrücklich hin) dafür, dass sogar simples Hände-Desinfektionsmittel nicht mehr erhältlich ist.

Wie überhaupt eine Region, die einigermaßen bei Trost ist, die Grundstoffe für lebenswichtige Medikamente ausschließlich im weit entfernten Ausland produzieren lassen kann, ist mir schleierhaft. Man kann doch nicht allen Ernstes ein dauerhaft und unaufhörlich reibungsloses Funktionieren von überaus komplizierten Transport-, Produktions- und Lieferketten als selbstverständlich voraussetzen und zudem keinen einzigen Fallback einbauen… Hier wartet ein dringliches Betätigungsfeld auf unsere jetzigen und künftigen Gesundheitsministerien. Viel Spaß bei der Durchsetzung gegen die diversen Lobbys.

Während sich die einen wegen der Streichung von Automobilsalons, Eisenwarenmessen, internationalen Buchmesse, Tagungen, Kongressen und Sportveranstaltungen die Haare raufen (ja, nun wird auch der Ausfall der Olympischen Spiele diskutiert!) machen manche mit Atemschutzmasken glänzende Geschäfte.

Der entsprechende Großkotz, Verzeihung, ich meine natürlich Großkaufmann, kommt gar nicht auf den Gedanken, dass es vielleicht im Sinne des Allgemeinwohls besser gewesen wäre, den eilends und noch superbillig aufgekauften Bestand den Behörden zu melden, mit dem Angebot, sie an diejenigen abzugeben, die sie am meisten brauchen. Zum Beispiel die, die in Krankenhäusern dafür sorgen, dass die schweren Fälle hoffentlich irgendwann geheilt nach Hause kommen. Aber so ein Gedanke liegt dem cleveren Kaufmann, von dem hier die Rede ist, anscheinend ferne. Statt dessen faselt er von Kapitalbildung und seinen großartigen kapitalistischen Instinkten.

In Frankreich werden übrigens inzwischen die noch vorhandenen Atemschutzmasken schlicht beschlagnahmt, um sie den Leuten im Medizinbetrieb zu geben, die sie ja wirklich dringend brauchen. Richtig so.

Der Covid-19-Erreger dagegen hat es leicht, reist er doch überall ganz einfach mit, zum Beispiel auf Kreuzfahrtschiffen. Das führt dann im Zweifel zur Insolvenz. Siehe auch hier, mit Bezug zu Chinatourismus. Tourismus ist eben nur dann schön, wenn überall (und nicht nur im Zielland) ständig auch im übertrageneen Sinne die Sonne scheint. Die Zielländer sollten sich wohl besser andere wirtschaftliche Überlebensmodelle ausdenken als bleichen Touristen die Getränke an die Strandliege zu schleppen. Und die Touristen ihre Langeweile anders betäuben. Umwelt und Klima danken!

Was mir auffällt, ist, dass es ruhiger ist als gewöhnlich – schon rein akustisch, vielleicht bilde ich mir das nur ein, aber es kommt mir vor, als wäre das übliche hektische Treiben etwas abgebremst.

Sehr gespannt darf man – neben den weiteren zu erwartenden Absagen, beispielsweise der Hannover Messe Industrie (die Leipziger Buchmesse cancelte gestern) – auch darauf sein, wie die Kohlendioxid-Bilanz des Jahres 2020 aussehen wird. Denn wenn nix fliegt, fährt, reist, transportiert, kurz: um den Globus hektikt, dann, ja dann dürfte wohl auch der Kohlendioxid-Ausstoß sinken. Und zwar mehr als wir für möglich halten. Dann hätte sich, sozusagen und natürlich etwas zynisch formuliert, die Natur mal wieder selbst geholfen, auf Kosten unseres derzeitigen Lebensstils. Für diesmal, aber natürlich nicht für immer. Denn damit, dass irgendjemand aus den zu erwartenden Resultaten dieses Jahres den ernsthaften Schluss ziehen würde, etwas langsamer, etwas weniger aufwändig ginge es in den Industrie- und Schwellenländern auch, wenn wir den Globus erhalten wollen, ist natürlich nicht zu rechnen.