Es ist immer schön, wenn jemand genau weiß, wie man die Dilemmata unserer Wirtschaftsordnung lösen könnte. Weniger schön ist, wenn uns nur eine potentielle „Endlösung“ präsentiert wird, aber kein Weg, der dort hinführen könnte. Dann überkommt einen als LeserIn immer das Gefühl, dass das alles ja eh keinen Sinn hat. So ging es mir ein bisschen bei dem Buch  „Die Welt neu bewerten. Warum arme Länder arm bleiben und wie wir das ändern können“ von Alexander Dill.

Dill unternimmt zunächst einen Rundgang durch die sehr wandelbaren Bewertungssysteme der unterschiedlichen Epochen und Länder, wonach man zu dem Schluss kommt, dass es recht willkürlich (und meist vor allem im Sinne des Bewertenden) ist, wie bestimmte Dinge bewertet werden.

Genau das ist auch beabsichtigt, denn Dill legt dar, dass das heute wie ein ökonomisches Evangelium als weltweites Bewertungskriterium für Volkswirtschaften verwendete BIP (Bruttoinlandsprodukt) von denselben Gedanken und Hintergedanken inspiriert ist: Wer ein ausreichendes BIP-Wachstum hat, mithin die meisten Industrieländer zu normalen Zeiten, der erhält überall Kredit zu erträglichen Zinsen und kann mit dem so generierten Kapital in Form von Staatsanleihen, die gern auch ans Ausland verkauft werden, wiederum wirtschaftlich wachsen, steht allerdings auch unter einem gewissen Wachstumszwang, so lange nur das wachsende BIP als Gütekriterium gilt.

Wessen BIP nicht oder nicht ausreichend wächst, weil beispielsweise die Bevölkerung hauptsächlich Subsistenzwirtschaft betreibt, die sie zwar ernährt, aber nicht zu großen Ex- oder Importleistungen befähigt, wird für vormodern erklärt und zum Ziel von Bemühungen, sich „in die Weltwirtschaft einzugliedern“, sprich: ebenfalls auf ein stetes BIP-Wachstum als Qualitätskriterium einzusteigen. Um das zu schaffen, erhalten solche Länder Entwicklungskredite und werden plötzlich zu Schuldnern, die nun auf Teufel-komm-raus BIP-Wachstum anstreben müssen, um ihre Schulden bedienen zu können.

Alternativ könne man doch auch das Sozialkapital messen und bewerten, meint Dill – hier sähe dann so manche beim BIP recht erfolgreiche Nation oder Region recht alt aus. Die Messung des Sozialkapitals, wie sie Dill mit Hilfe einer indischen Universität an verschiedenen Orten durchgeführt hat, ist zudem lokal extrem unterschiedlich, was offenbart, dass sich Lebensbedingungen nicht angemessen über einen großen Gleichmacher wie das BIP abbilden lassen. Sicher ist aber: Länder, Regionen und Städte, die zwar viel Sozialkapital, aber ein niedriges BIP haben, können nicht über Staatsanleihen Geld generieren und sind insofern in der Weltwirtschaft benachteiligt. Genau darin, so der Autor provokativ, liege ja der Sinn dieses Systems. So weit, so gut und durchaus nachvollziehbar.

Das letzte Kapitel des Buches enthält dann Dills Vision für eine finanziell neu geordnete Welt, die hier natürlich nur unvollständig wiedergegeben werden kann. Darin geloben alle Länder die Nichteinmischung in die Angelegenheiten anderer Länder (anscheinend einschließlich des großzügigen Übersehens jeder Form interner Bürgerkriege, Hungersnöte, Benachteiligungen von Bevölkerungsgruppen, etwa Frauen oder Homosexuelle). Frieden wird als Menschenrecht definiert (durchaus positiv, nur sollte das auch für die „Insassen“ eines Landes gelten), der Internationale Strafgerichtshof aufgelöst. Es gibt eine Art Welt-Buchhaltungsstelle, an die jeder Staat fünf Prozent seiner gesamten Einnahmen überweisen muss. Die Einrichtung verteilt aus diesem Geld dann ein Grundeinkommen an alle Menschen in allen Ländern, die arm sind, im Krieg leben oder von Naturkatastrophen betroffen sind. Grundbesitz gehört immer auch dieser Institution, privates Erben wird abgeschafft. Jeder bekommt ein gleiches Grundkapital und wirtschaftet damit nach eigenem Gutdünken. Jeder zahlt zehn Prozent seiner Einnahmen in eine globale Rentenversicherung. Und so weiter.

Abgesehen davon, dass es sich durchaus nicht unbedingt erschließt, warum beispielsweise die globale Buchhaltungsstelle nicht selbst zu einem neuen, zu Missbrauch neigendem Macht-Kristallisationspunkt werden sollte, erschließt es sich mir persönlich auch nicht, warum jedwede Barbarei sich der Beurteilung durch den Rest der Welt komplett entziehen sollte. So kam schließlich in Deutschland auch der Holocaust zustande. Schließlich fehlt ein Weg, wie dieser Plan umgesetzt werden sollte. Die Chancen dafür scheinen nämlich nicht gut zu stehen: Gerade haben deutsche Politiker die Idee, des frisch gekürten französischen Präsidenten Macron, wenigstens eine europäische Finanzpolitik mit Institutionen aufzubauen, in Grund und Boden verdammt.

Bibliographie: Alexander Dill: Die Welt neu bewerten. Warum arme Länder arm bleiben und wie wir das ändern können. 202 Seiten, broschiert, einige Tabellen. Oekom-Verlag, München, 2017. ISBN 9783865-818416, 14,95 €.

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