Neue Weltfinanzordnung – aber wie?

Es ist immer schön, wenn jemand genau weiß, wie man die Dilemmata unserer Wirtschaftsordnung lösen könnte. Weniger schön ist, wenn uns nur eine potentielle „Endlösung“ präsentiert wird, aber kein Weg, der dort hinführen könnte. Dann überkommt einen als LeserIn immer das Gefühl, dass das alles ja eh keinen Sinn hat. So ging es mir ein bisschen bei dem Buch  „Die Welt neu bewerten. Warum arme Länder arm bleiben und wie wir das ändern können“ von Alexander Dill.

Dill unternimmt zunächst einen Rundgang durch die sehr wandelbaren Bewertungssysteme der unterschiedlichen Epochen und Länder, wonach man zu dem Schluss kommt, dass es recht willkürlich (und meist vor allem im Sinne des Bewertenden) ist, wie bestimmte Dinge bewertet werden.

Genau das ist auch beabsichtigt, denn Dill legt dar, dass das heute wie ein ökonomisches Evangelium als weltweites Bewertungskriterium für Volkswirtschaften verwendete BIP (Bruttoinlandsprodukt) von denselben Gedanken und Hintergedanken inspiriert ist: Wer ein ausreichendes BIP-Wachstum hat, mithin die meisten Industrieländer zu normalen Zeiten, der erhält überall Kredit zu erträglichen Zinsen und kann mit dem so generierten Kapital in Form von Staatsanleihen, die gern auch ans Ausland verkauft werden, wiederum wirtschaftlich wachsen, steht allerdings auch unter einem gewissen Wachstumszwang, so lange nur das wachsende BIP als Gütekriterium gilt.

Wessen BIP nicht oder nicht ausreichend wächst, weil beispielsweise die Bevölkerung hauptsächlich Subsistenzwirtschaft betreibt, die sie zwar ernährt, aber nicht zu großen Ex- oder Importleistungen befähigt, wird für vormodern erklärt und zum Ziel von Bemühungen, sich „in die Weltwirtschaft einzugliedern“, sprich: ebenfalls auf ein stetes BIP-Wachstum als Qualitätskriterium einzusteigen. Um das zu schaffen, erhalten solche Länder Entwicklungskredite und werden plötzlich zu Schuldnern, die nun auf Teufel-komm-raus BIP-Wachstum anstreben müssen, um ihre Schulden bedienen zu können.

Alternativ könne man doch auch das Sozialkapital messen und bewerten, meint Dill – hier sähe dann so manche beim BIP recht erfolgreiche Nation oder Region recht alt aus. Die Messung des Sozialkapitals, wie sie Dill mit Hilfe einer indischen Universität an verschiedenen Orten durchgeführt hat, ist zudem lokal extrem unterschiedlich, was offenbart, dass sich Lebensbedingungen nicht angemessen über einen großen Gleichmacher wie das BIP abbilden lassen. Sicher ist aber: Länder, Regionen und Städte, die zwar viel Sozialkapital, aber ein niedriges BIP haben, können nicht über Staatsanleihen Geld generieren und sind insofern in der Weltwirtschaft benachteiligt. Genau darin, so der Autor provokativ, liege ja der Sinn dieses Systems. So weit, so gut und durchaus nachvollziehbar.

Das letzte Kapitel des Buches enthält dann Dills Vision für eine finanziell neu geordnete Welt, die hier natürlich nur unvollständig wiedergegeben werden kann. Darin geloben alle Länder die Nichteinmischung in die Angelegenheiten anderer Länder (anscheinend einschließlich des großzügigen Übersehens jeder Form interner Bürgerkriege, Hungersnöte, Benachteiligungen von Bevölkerungsgruppen, etwa Frauen oder Homosexuelle). Frieden wird als Menschenrecht definiert (durchaus positiv, nur sollte das auch für die „Insassen“ eines Landes gelten), der Internationale Strafgerichtshof aufgelöst. Es gibt eine Art Welt-Buchhaltungsstelle, an die jeder Staat fünf Prozent seiner gesamten Einnahmen überweisen muss. Die Einrichtung verteilt aus diesem Geld dann ein Grundeinkommen an alle Menschen in allen Ländern, die arm sind, im Krieg leben oder von Naturkatastrophen betroffen sind. Grundbesitz gehört immer auch dieser Institution, privates Erben wird abgeschafft. Jeder bekommt ein gleiches Grundkapital und wirtschaftet damit nach eigenem Gutdünken. Jeder zahlt zehn Prozent seiner Einnahmen in eine globale Rentenversicherung. Und so weiter.

Abgesehen davon, dass es sich durchaus nicht unbedingt erschließt, warum beispielsweise die globale Buchhaltungsstelle nicht selbst zu einem neuen, zu Missbrauch neigendem Macht-Kristallisationspunkt werden sollte, erschließt es sich mir persönlich auch nicht, warum jedwede Barbarei sich der Beurteilung durch den Rest der Welt komplett entziehen sollte. So kam schließlich in Deutschland auch der Holocaust zustande. Schließlich fehlt ein Weg, wie dieser Plan umgesetzt werden sollte. Die Chancen dafür scheinen nämlich nicht gut zu stehen: Gerade haben deutsche Politiker die Idee, des frisch gekürten französischen Präsidenten Macron, wenigstens eine europäische Finanzpolitik mit Institutionen aufzubauen, in Grund und Boden verdammt.

Bibliographie: Alexander Dill: Die Welt neu bewerten. Warum arme Länder arm bleiben und wie wir das ändern können. 202 Seiten, broschiert, einige Tabellen. Oekom-Verlag, München, 2017. ISBN 9783865-818416, 14,95 €.

Oxfam-Bericht/Oxfam-Report: Acht haben so viel wie 306 Milliarden Menschen/Eight own as much as 306 billion people

Zur Einstimmung in den Weltwirtschaftsgipfel gab es einen neuen Bericht von Oxfam: Demzufolge besitzen dir reichsten acht Männer gemeinsam genau so viel wie die ärmsten 3,6 Milliarden Menschen. EIne der interessantesten Komponenten des Papiers: Als falsch wiederlegte Mythen. Durch die Erfahrung widerlegte Behauptungen sind:

  • Der Markt hat immer Recht, Regierung und Regulierung muss zurückstecken.
  • Unternehmen müssen um jeden Preis wegen des Shareholder-Value ihre Gewinne steigern
  • Extremer individueller Reichtum Einzelner ist ein Zeichen eines erfolgreichen wirtschaftlichen und politischesn Systems – Ungleichheit ist unwichtig.
  • Primäres Ziel der Politik sollte es sein, das Bruttosozialprodukt zu steigern.
  • Unser Wirtschaftsmodell ist geschlechtsneutral
  • Unser Planet hat keine Grenzen (und erlaubt grenzenloses Wachstum).

Oxfam verlangt eine stärkere Rolle für die Politik als Repräsentant aller Menschen und eine humane, ökologische statt technologieorientierte Entwicklung, weil sich sonst die Krisen häufen werden.

In English

Oxfam introduced a new study at the beginning of Davos World Economic Forum.

It showed that the concentration of wealth further proceeded, leaving the poor behind more than ever. Now, 8 persons own as much money and assets as the poorest 3,6 billion people. Most interestingly: Oxfam published six economic myths contradicted by reality:

The market is always right, government and regulation have to step back.

Enterprises have to look at shareholder value first and for that increase their profits with any means.

Extreme richness of individuals schows a successful economic and political system – inequality does not matter-

It should be the first goal of politics to raise the GDP.

Out economic model ist gender-neutral.

Our planet has no limits.

Oxfam wants a stronger role for politics as it represents all people. The organization also pleads for a human, ecological and less technology-focused development, otherwise we would see more and more crisis.

 

 

Jetzt zweifeln auch die ganz Großen an der Globalisierung

Jahrelang stand die Globalisierung ganz oben auf der Agenda der Wirtschaftsführer und der Politik. Nun kommen Zweifel auf – nicht nur bei Donald Trump, dessen nationalistische Devise „America First!“ nichts anderes erwarten ließe, sondern bei vielen. Das schreibt jedenfalls der SPIEGEL in einem aktuellen Online-Artikel zum „Weltwirtschaftsforum“ in Davos. Die Versammlung, auf der sich Staatsführer mit Filmsternchen mischen, ist dieses Mal dreitausend TeilnehmerInnen stark (über den Frauenanteil ist leider nichts bekannt). Nicht bekannt ist auch, jedenfalls zur Zeit, ob die in Davor Anwesenden irgendwelche Vorschläge haben, wie sich Globalisierung zugunsten aller so gestalten ließe, dass es weniger Verlierer und mehr Gewinner gibt. Ich habe ein paar (ob die ausreichen, wage ich nicht zu beurteilen): Austrocknung von Steuerparadiesen, weltweit definierte Mindeststeuersätze, ein leistungsfähiges Erb- und Vermögenssteuerrecht, eine weltweit gültige Kohlendioxidsteuer für alle Hersteller nach dem produktios-, rohstoff- und energieverbrauchsbedingten  CO2-Gehalt der Produkte und für alle Verbraucher CO2-Gehalt der verbrauchten Güter. Ansonsten werden wir vielleicht wieder ins Zeitalter des Jeder-gegen-jeden zurückfallen, denn Globalisierung nur beim Handel ohne eine gewisse Globalisierung beim Recht und funktionsfähige, allseits akzeptierte internationale Entscheidungsgremien kann nicht funktionieren.

Filmrezension: Euro-Krise (zu) einfach erklärt

„Europa – Ein Kontinent als Beute“, ein Dokumentarfilm von Christoph Schuch und Rainer Krausz sucht Erklärungen für die nun schon seit 2007/2008 andauernde Finanz- und Wirtschaftskrise, die in Europa länger anhält als in den USA. Dabei bleibt der Film allerdings zu eindimensional und bedient sich teilweise zweifelhafter Zeugen für seine Argumentation – zumindest, wenn man davon ausgeht, dass nicht jeder glaubwürdig ist, nur weil er oder sie einen Bestseller geschrieben hat.

Formal besteht der 78 Minuten lange mit düster-schriller Geräusch-/Musikkulisse untermalte Streifen aus in der Regel schwarz-weißen Segmenten, die verlassene Landstriche, vertrocknete und ungepflegte agrarische Flächen, verrottete Industriegebiete, Bauruinen und andere Denkmäler oder Symbole des ökonomischen Niedergangs zeigen. Diese Teile intermittieren mit Interview-Sequenzen, die die Erklärungen liefern zum Krisengeschehen.

Dabei greifen die Filmemacher auf mehrere Erklärer zurück. Zum einen ist da Fabio de Masi, der für Die Linke im Eurpaparlament sitzt. Er schildert beispielsweise das überbordende Lobbying im Umfeld des Europaparlaments und die enge Verstrickung von Finanz- und anderen Industriebranchen mit der Politik, insbesondere mit einigen EU-Kommissaren. Er wirkt in Darstellung und Argumentation überzeugend.

Flankiert wird er von zwei zumindest umstrittenen Zeugen: Da wäre erstens der Börsenguru Dirk Müller. Seine Börsenprognosen bezüglich des Crash-Geschehens erwiesen sich als zutreffend, was ihm den Guru-Rang bescherte und seine zwei Bücher „Crashkurs“ und „Showdown“ zu Bestsellern machte. Diese schillernde Persönlichkeit vertritt Ideen wie den Aufbau von Lokalwährungen und will am liebsten zur Golddeckung von Währungen zurück, zumindest ersteres durchaus ein grün-alternatives Konzept. Allerdings scheut sich Müller auch nicht, seine Theorien auch in der rechtspopulistischen Zeitschrift  Compact zu verbreiten und spricht gern von „Völkern“, was im Kontext solcher Medien zumindest verdächtig ist. Sein letztes Buch, „Showdown“, wurde von Medien wie Spiegel Online als stark verschwörungstheoretisch angehaucht rezensiert.

Der zweite fachkundige Zeige ist der Schweizer Dr. Daniele Ganser, der unter anderem Internationale Beziehungen, Politik, Philosophie und Englisch studierte und an der London School of Economics forschte. Ganser hält beispielsweise das Attentat vom 11.9.2001 nicht für das Werk von Terroristen, sondern für ein abgekartetes Spiel von wirtschaftlich-politischen Eliten aus den USA, was ihm ebenfalls den Ruf eines Verschwörungstheoretikers einbrachte. Heute leitet Ganser SIPER (Schweizer Institut für Friedens- und Energieforschung).

Weiter kommen als Augenzeugen einer wuchernden Bauindustrie, die am Bedarf vorbeibaut und dann leerstehende Ruinen hinterlässt, und verheerender Geldverschwendung auf kommunaler Ebene noch Aktivisten aus Valencia zu Wort. Eine Aktivistin aus Portugal berichtet von der dortigen Abwanderungswelle junger, gut ausgebildeter Menschen. Wirklich neu ist das nicht.

Das gilt auch für die Erklärung des Debakels der südeuropäischen Länder: Für Ganser und Müller ist die unselige Allianz zwischen Finanz- und Ölindustrie sowie mit diesen Sphären verbandelten machtgierigen Politikern (und politikerinnen) allein Schuld an der Misere Europas. Die Diagnose, die wichtigen politischen Institutionen auf europäischer Ebene seien systematisch von Finanzkapitalisten unterwandert und das Finanzkapital würde Europa ausbeuten, trifft sicher zu, ist aber zu eindimensional.

Es wird vollkommen ausgeblendet, dass nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und dem Mauerfall buchstäblich Milliarden bisher vom Geschehen abgekoppelte Menschen aus China und Osteuropa  ihr Leistungsvermögen auf den Arbeitsmärkten dieser Welt verfügbar machten  und dadurch die Löhne auch hier drückten – sei es, dass sie selbst den Ort wechselten wie osteuropäische Pflegekräfte oder Schlachthofmitarbeiter, sei es, dass die Produktion zu ihnen kam, wovon hierzulande jeder durch gern genutzte Billigangebote von Smartphone bis Kleidung profitiert. Dabei machte das Fehlen sichtbarer, erfolgreicher Alternativen den schrankenlosen Liberalismus erst für die Mainstream-Politik attraktiv. Nicht umsonst hat ausgerechnet Rot-grün in Deutschland den Börsenhandel liberalisiert. Die gesamte Argumentation des Films ist zu selbstgerecht und zu Europa-zentriert – so bleiben die Millionen Chinesen und Inder, die in den letzten 20 Jahren die absolute Armut hinter sich gelassen haben, freilich unter hier unzumutbaren Arbeitsbedingungen und großen Umweltschädigungen, vollkommen außer Betracht. Dabei ist ihre Existenz eines der stärksten Argumente der Globalisierungsbefürworter.

Außerdem hätte man sich mehr konkrete Lösungsvorschläge statt des großen Rundumschlages gewünscht, doch nur de Masi brachte hier einiges auf den Tisch – beispielsweise eine Reform des Agrarsystems, die Exporte von Agrargütern aus Europa zurückschneidet oder die seit langem diskutierte, aber nicht umgesetzte Finanztransaktionssteuer oder gemeinsame Aktionen gegen Steuervermeidung. So bleibt beim Betrachter vor allem ein Gefühl der Hilflosigkeit zurück – der (europäische) Zuschauer als Beute hoffnungsloser Verhältnisse. Der Film kommt Ende Februar in die Kinos.

Solarstrom privat selber machen und verbrauchen: Schlechte Norm in Arbeit, Gegennorm braucht Unterstützer

Wer träumt nicht manchmal vom Solarmodul am Balkongitter? Heute allerdings in Deutschland (im Gegensatz etwa zu den Niederlanden oder der Schweiz) kein Thema. Begründung: die Sicherheit sei nicht gewährleistet. Nun also sitzt man endlich an einer neuen Norm für solche Systeme, die die schöne Bezeichnung DIN VDE 0100-551-1 (VDE 0100-551-1):2016-09 tragen soll. Einwendung der Deutschen Gesellschaft für Sonnenenergie (DGS): Durch die jetzt geplante Norm wird die Nutzung solcher Systeme unnötig kompliziert gemacht, so dass sie unattraktiv werden. Sie hat einen eigenen Normentwurf erarbeitet, der hier endlich mehr Raum schafft, ohne die Sicherheit zu beeinträchtigen und der online auf der Seite PVplug steht. Außerdem steht dort auch die Begründung für die Kritik im Detail und ein elektronisches Einspruchsformular, das man ruck-zuck ausfüllen, an die Mailadresse dke(at)vde.com (bitte das (at) durch @ ersetzen!)  kann und damit vielleicht verhindert, dass die Solarenergie am Balkongitter dank reichlicher Lobbypräsenz in den entscheidenden Gremien bei uns niemals in großem Umfang Wirklichkeit wird und damit ein Stück mögliche Autonomie flöten geht. Bis 26. Dezember sind noch Einsprüche möglich. Also: an die Arbeit!

Windindustrie gegen den Strich gebürstet

Von der Windindustrie erhoffen sich viele erhebliche Beiträge zur Energiewende. Andererseits rührt sich aber auch erheblicher Widerstand. Wer besser verstehen will, was Windgegner an- und umtreibt und sich ein eigenes Urteil über deren Argumente bilden möchte, sollte  „Geopferte Landschaften. Wie die Energiewende unsere Umwelt zerstört“, herausgegeben von Georg Etscheit, einem Journalisten, der für die erste Sahne der deutschen Medien (Zeit, Süddeutsche Zeitung, dpa) schreibt, lesen. Etscheit lässt in dem Band alle zu Wort kommen, die die Windkraftgegner in Deutschland mit Argumenten befeuern. Diese im Einzelnen zu bewerten, möchte ich dem lesenden Publikum überlassen .

Die Herangehensweise ist jedenfalls umfassend – von Senior-Naturschützen wie dem Ex-BUND (Bund Naturschutz Deutschland)-Chef Hubert Weinzierl oder Enoch zu Guttenberg über Künstler, Geistliche, heimatverbundene Einzelpersonen bis hin zu Energiespezialisten wie dem Physiker Dirk Dubbers und dem Wirtschaftswissenschaftler Dr. Nikolai Ziegler, der heute dem Verband Vernunftkraft, einer Vereinigung von 600 Anti-Windkraft-Initiativen vorsteht, bis hin zum Wachstumskritiker Niko Paech, der in Bescheidenheit und Schrumpfung die einzige Lösung für das ökologische Dilemma sieht. Paech gibt aber im Gespräch auch gern freimütig zu, dass er eine echte Chance für sein Credo nur nach großangelegten Katastrophen annimmt.

Die Alternativen außer Schrumpfung sind rar. Aussagen wie die, es sei doch sehr gut, dass Öl in Zukunft in den Teersänden Alaskas abgebaut werde – schließlich handele es sich bei den USA und Kanada im Gegensatz zu den jetzigen Ölförderländern um Demokratien oder die, man könne doch in der Wüste Strom erzeugen, um den Maghreb und dann Westeuropa mit Elektrizität zu versorgen, machen nachdenklich. Als ob es in Alaska keine Bewohner gäbe, die sich genauso verzweifelt gegen den landschaftszerstörenden Teersandabbau stemmten wie die bayerischen „Ureinwohner“ gegen Windmühlen im Oberland. Und als ob es nicht weit naheliegender wäre, überschüssige Strommengen aus der Sahara nach Schwarzafrika zu leiten statt ausgerechnet nach Westeuropa. Hier wird die Welt immer noch behandelt, als sei sie einzig dafür gemacht, von den Industriegesellschaften zum eigenen Nutzen abgeweidet zu werden – nur am besten nicht da, wo man sich selbst befindet.

Ob man die Argumente der Windgegner nun teilt oder nicht, das lesenswerte Buch macht nachdenklich, und sei es nur deshalb, weil es wieder einmal vor Augen führt, wie schwierig bis unmöglich es ist, bei Fortführung unseres derzeitigen Wachstumsmodells umweltverträgliche und vor allem Natur bewahrende Lösungen für die Energieversorgung zu finden.

Georg Etscheit (Hrsg.) Geopferte Landschaften. Wie die Energiewende unsere Umwelt zerstört. Broschiert, 367 Seiten, farbige Fotografien. Heyne-Verlag, München, 1996. ISBN 978-3-453-20127-9, 16,99 Euro.

Wirtschaftswachstum: Reicht ein Prozent?

Fast jeden Tag werden uns zehntelprozentgenau die aktuellen Wachstumszahlen der Wirtschaft oder einzelner Branchen in den Medien mitgeteilt, und wächst es nicht genug, erhebt sich schnell Geschrei. Da ist es doch eine interessante Frage, ob vielleicht ein Prozent Wachstum für die Industrieländer dauerhaft ausreichen könnte, um uns ein auskömmliches Leben zu sichern und gleich noch eine Menge anderer Probleme zu lösen, wenn man etwas an den Rahmenbedingungen schraubt.

Genau dieser Frage widmen sich Jorgen Randers und Graeme Maxton in dem aktuellen „Bericht an den Club of Rome“, erschienen in diesm Sommer und von den etablierten Medien schon in Grund un Boden diskutiert. Kein Wunder, leider wachsen auch Verlage nur, wenn die Gesamtwirtschaft wächst. Die Kritik reichte von unzutreffenden Voraussetzungen über falsche Zusammenhänge bis hin zu längst widerlegten Behauptungen.

Am besten macht man sich von heiß diskutierten Werken ein Bild, indem man sie selbst liest. Deshalb hier kurz, wie das Buch „Ein Prozent ist genug“ aufgebaut ist. Die erste Hälfte des Buches befasst sich damit, wieso alle immer aufs Wirtschaftswachstum bauen und warum das heute oft keine Lösung mehr bringt. Kapitel 7 wirft einen Blick darauf, was möglicherweise passiert, wenn wir, um unbeeinträchtigt weiterzuwachsen, das Klima ruinieren und wiederlegt die Mär von der Entkopplung – die sei, so die Autoren, bisher immer nur lokal gelungen und zwar dadurch, dass man alles, was Dreck und Kohlendioxid macht, auslagert, zum Beispiel nach China. Da fällt die Entkopplung von Wachstum und Kohlendioxidausstoß im heimischen Deutschland natürlich leicht.

Anschließend skizzieren die Autoren ihre neue Perspektive: eine Gesellschaft mit dauerhaft nur wenig steigendem BIP, schrumpfendem CO2-Fußabdruck, einer durch Umverteilung bewirkten gleichmäßigeren Verteilung von Einkommen und Vermögen, etwas bezahlter Arbeit für jeden (einschließlich Pflegearbeit), ausreichender Regulierung, ausreichenden Finanzmitteln für die Abwehr von Klimawandelfolgen, die sich schon jetzt nicht mehr verhindern lassen und statt des täglichen BIP-Herbetens ein objektiviertes Maß für die Messung des menschlichen Wohlbefindens, das fortan als Messlatte für menschlichen Fortschritt gelten soll.

In den folgenden Kapitel werden dann 13 Maßnahmen beschrieben, die sich nach Meinung der Autoren kurzfristig umsetzen ließen, ohne das bestehende Gefüge sofort bis in die Grundfesten zu erschüttern. Über letzteres kann man freilich durchaus geteilter Ansicht sein. Die ausreichende Entlohnung von privater Haus- und Pflegearbeit beispielsweise ist zwar insbesondere aus Sicht der sie mehrheitlich leistenden weiblichen Bevölkerung durchaus erstrebenswert, aber es dürften sich selbst bei Grünen und Linken keine Mehrheiten dafür finden. Ähnliches ließe sich für nahezu jede Forderung der beiden Autoren sagen, die auch selbst schreiben, dass sie mit erheblichen Widerständen gegen ihre Vorschläge rechnen. Erst recht kann man wahrscheinlich davon ausgehen, wenn ein hochrangiger Vertreter der Ölindustrie jetzt den US-Außenminister mimen soll.

So wird wohl leider das Meiste in diesem Buch zumindest hierzulande und den meisten anderen Industrieländern längere zeit ein schöner Traum bleiben, obwohl es durchaus Ansätze in Einzelbereichen gibt, die in die Richtung von Maxton und Randers weisen, beispielsweise die generell kürzeren Arbeitszeiten und die größere Familienveranrtwortung, die Männer in der Regel in Nordeuropa übernehmen, die Messung des „menschlichen Glücks“ in einem der Himalayastaaten oder der bislang gescheiterte Versuch, eine Finanztransaktionssteuer einzuführen.

Wer weiß, vielleicht beginnt man nach der nächsten wirtschaftlichen oder ökologischen Katastrophe ja grundlegend darüber nachzudenken, was geändert werden müsste und greift dann auf dieses Werk zurück. Doch auf die zu warten, ist auch wieder blanker Zynismus. Insofern ist das Buch eine Lektüre, die eingefahrenes Denken auf den Kopf stellt und sehr anregend ist. Man darf sich von der schwierigen Realisierbarkeit der Vorschläge gerade in unserem wirtschafts- und wachstumsfixierten Exportland nur nicht gleich den Spaß verderben lassen.

Jorgen Randers & Graeme Maxton: Ein Prozent ist genug. Mit wenig Wachstum soziale Ungleichzeit, arbeitslosigkeit und Klimawandel bekämpfen. Gebunden, 288 Seiten, diverse s/w Grafiken. Oekom-Verlag, München, 2016. ISBN 9-78365-818102, 22,95 Euro.

Wie Öko zur Routine werden soll

Der oekom-Verlag ist für Bücher bekannt, die der Gesellschaft zu mehr Nachhaltigkeit verhelfen sollen. In diese Kategorie gehört auch der neue band „Ökoroutine. damit wir tun, was wir für richtig halten.“ von Michael Kopatz. Der Band wurde zusammen mit dem Wuppertal-Institut erstellt. Auf rund 400 Seiten und in 11 Kapiteln versucht der Autor zunächst zu ergründen, warum trotz alelr gut dokumentierten, kaum noch bestrittenen Erkenntnisse und aller Aufrufe von wem auch immer der gesellschaftliche Mainstream weiter auf vorwiegend nicht nachhaltigem Kurs ist und wie das zu ändern wäre.

Als wichtigste Gründe für die Situation macht der Autor im Grunde das neoliberale Paradigma mit einem zurückhaltendem Staat, expandierender Wirtschaft, globaler Konkurrenz, ungebremstem Wachstumsstreben und Lobbyismus verantwortlich, womit er sich in bester Gesellschaft mit den meisten Kritikern der Verhältnisse befindet.

Gleichzeitig verortet er aber auch individuelle Faktoren, die zum Weiterwurschteln beitragen: der Expansionsdrang jedes Einzelnen, der Hang, sich zu vergleichen und unzufrieden zu sein, der Werbung oder den Medien zu erliegen, Umweltveränderungen nicht wahrzunehmen und bequemerweise einfach das Gewohnte zu tun, die Kunst des menschlichen Bewusstseins, Unerträgliches einfach wegzuschieben und so weiter. Die Mär vom „umweltbewussten Konsumenten“ und seinem weitreichenden Einfluss weist der Autor von sich – seine Chancen, etwas Grundlegendes an der Umweltmisere zu ändern, seien grundsätzlich beschränkt und zudem würde er oftmals nur punktweise ausgeübt, um an anderer Stelle nur um so hemmungsloser zu verbrauchen – der Bioladenkäufer mit jährlich drei Fernreisen ist hier ein beliebtes Beispiel.

Statt dessen fordert der Autor eine langfristig angelegte Regulierung in kleinen, nachvollziehbaren Schritten, die sich auf alle Lebensgebiete bezieht und umweltbewusstes Handeln gewissermaßen als neue Leitlinie definiert, die schon bald niemandem mehr auffallen werde – schließlich habe man sich auch auf den meisten anderen Lebensgebieten an eine hohe Regulierungsdichte gewöhnt und akzeptiere sie selbstverständlich, weil eingesehen werde, dass sie das Schmiermittel eines gedeihlichen Zusammenlebens in großen Gemeinschaften bildet.

Dann geht Kopatz ins Detail und beschreibt, wie er sich Regulierung zum Thema Nahrung, Wohnen, Strom, Kaufen, Reisen, Arbeiten, Wirtschaftsförderung vorstellt und wie diese umzusetzen sei. Dankenswerterweise führt er zu den meisten Themen auch gleich konkrete Beispiele und Vorbilder aus Deutschland oder anderen Ländern an, die zeigen, wie es gehen könnte.

Das letzte Kapitel fasst das Gesagte noch einmal zusammen.

Die Stärke des Buches liegt ganz eindeutig in der Konkretheit der Vorschläge für sinnvolle Regulierungen, die es auf allen genannten Feldern anbietet. Allerdings ist wenig Neues dabei, wer sich im Thema auskennt, hat das meiste schon einmal gehört, allerdings nicht so systematisch zusammengestellt. Auch dass am Anfang die Gründe des Scheiterns bisheriger Ansätze dargestellt werden, ist ein großes Plus.

Die Schwäche des Buches liegt darin, dass Kopatz zwar aufzeigt, warum die gegenwärtige Abhängigkeit von Wachstum und Expansion eine Umstellung auf ein ökologisches Gesellschaftsmodell behindert. Er macht auch Vorschläge dafür, wie eine wachstumsarme Arbeitswelt aussehen könnte (Teilzeit für alle, Arbeit für alle). Was er allerdings nicht erklärt, ist leider, wie das Sozialversicherungs- und insbesondere das Rentensystem so umgebaut werden können, dass sie einerseits ökologieverträglich sind und andererseits Lebensmodelle jenseits der Großfamilie früherer Tage ermöglichen, die mitnichten das gern beschworene Idyll war, als die sie von interessierten Kreisen gern dargestellt wird. Genau an diesem Punkt aber wird sich entscheiden, ob Menschen freiwillig der Definition neuer ökologischer Routinen zustimmen, die für den Einzelnen durchaus Einschränkung bedeuten können – zum Beispiel bei Wohnraum, Reisen oder finanziellem Spielraum – oder ob sie letztlich zu ihrem „Glück“ durch Katastrophen oder anderes Unliebsame gezwungen werden müsssen – die Diktatur Singapur, die der Autor an einer Stelle ebenfalls als Beispiel gelungener Ökoregulierung anführt, lässt grüßen.

Genau das dürfte letztlich einer der wichtigsten Gründe sein, warum bisher entsprechende Ansätze politisch nicht konsequent umgesetzt werden. Wie dies zu erreichen ist, ohne die demokratischen Freiheiten preiszugeben, darauf gibt das Buch leider keine wirklich überzeugende Antwort.

Michael Kopatz: Ökoroutine. Damit wir tun, was wir für richtig halten. Oekom-Verlag München 2016. Gebunden, 412 Seiten, ausführliches Quellen- und Stichwortverzeichnis. ISBN 978-3-86581-806-5 24,95 Euro.

Warum Wirtschaftsjournalisten nur von Wachstum reden

Warum überhöhen die allermeisten Wirtschaftsjournalisten das Wirtschaftswachstum zur vollkommen unhinterfragten, nahezu magischen Größe? Dieser Frage geht der Wirtschaftswoche-Redakteur Ferdinand Knauß in einer wissenschaftlichen Untersuchung nach. Er untersucht, wann der Begriff „Wirtschaftswachstum“ in den Medien auftauchte und wie er im Lauf der Zeit verwendet wurde. Dabei kommt er zu dem Schluss, dass das Wirtschaftswachstum als nahezu unhinterfragbares Paradigma eine recht kurze Geschichte hat. Denn noch in der Vossischen Zeitung, die von 1918 bis 1934 untersucht wurde, kam der Begriff nicht vor.

Anschließend untersucht Knauß das Auftauchen und die Verwendung des Begriffs Wirtschaftswachstum in Zeit, FAZ und Spiegel ab den 50ern. Erst dann nämlich, als die während des Krieges aus Gründen der Kriegswirtschaft entwickelte detaillierte, produktionsorientierte Wirtschaftsstatistik der USA in die Friedenszeiten übernommen wurde und wegen ihrer Greifbarkeit den Siegeszug um die Welt antrat, zog das Wachstum, ausgedrückt als Bruttoinlandsprodukt auch als Schlagwort in die Presse ein und bestimmte in den kommenden Jahrzehnten den gesamten Diskurs von Wirtschaftswissenschaften und Gesellschaft. Daran konnten auch Ereignisse wie die Ölkrise in den 70ern nichts ändern.

Krauß entlarvt das Wirtschaftswachstum als gern wiederholtes Narrativ, also als eine Art Erzählung, die man deshalb unhinterfragt verwendet, weil sie flüssig von den Lippen kommt, sich an Gewohntes hält und hilft, neue Ereignisse in einen Verständnisrahmen einzuordnen, der den bestehenden Verhältnissen nicht widerspricht. Drei solche Narrrative führt Knauß auf: das vom nahezu unbegrenzten Wachstum der Grenzen durch Innovation, das vom Standort Deutschland als Ersatzvaterland und als jüngste Kreation das vom Einwanderer als Wachstumsretter.

Außerdem liefert Krauß drei Interviews mit ehemals leitenden Wirtschaftsjournalisten führender Tageszeitungen und Wirtschaftsmedien, die inzwischen pensioniert sind. Gemeinsames Element dieser Interviews ist die enge Interaktion zwischen Journalisten und Akteuren aus der Wirtschaft, die auf das Weltbild der Journalisten abgefärbt haben dürfte.

In einem abschließenden Teil fasst Knauß seine Befunde zusammen und stellt Forderungen an seine Kollegen: Das Wirtchaftswachstum habe tatsächlich dazu beigetragen, die kriegerischen Krisen des 20. Jahrhunderts zu bewältigen, insofern sei es kein Wunder, dass es, unterstützt, durch die griffige BIP-Statistik, einen Siegeszug durch Medien und gesellschaftlichen Diskurs antrat. Seit den 60ern diene das Festhalten an Wachstumsnarrativen aber eher dazu, von irritierenden, vom Wachstumsparadigma als Heilsbringer abweichende Realitätsbefunden abzulenken. Es hänge damit zusammen, dass der Wirtschaftsjournalismus „indexiert“, also vom wachstumsgeprägten Hauptdenkstrom vorgeprägt sei und Andersdenkende deshalb kaum je in wichtige Positionen kämen.

Folgerichtig verlangt Knauß, die Journalisten sollten die Gefolgschaft gegenüber der Ökonomie aufkündigen, den Wirtschaftsjournalismus durch soziologische, philosophische und andere geisteswissenschaftliche Überlegungen anreichern und damit „feuilletonistischer“ machen.

Kaum beleuchtet hat der Autor leider den Umstand, dass Zeitungen selbst gewinnorientierte Wirtschaftsunternehmen sind, wobei das Ziel ihrer Eigentümer in der Regel das Wachstum oder zumindest die stetige Profitabilität ihres Unternehmens ist. In diesem Umfeld kann ein Schreiber, der das Wachstum in Frage stellt, das gedeihliche schwarze Zahlen unter der jährlichen Bilanz garantieren soll, wohl kaum ernsthaft in Frage stellen, zumal Zeitungsunternehmen unter Tendenzschutz stehen, eine der Leitlinie des Mediums widersprechende Grundeinstellung also sogar zur Kündigung führen kann. Deswegen wird Wachstumskritik wohl noch lange eine Nischenexistenz in deutschen Redaktionen zumal der Presse führen. Denn sie ist, anders als Rundfunk und Fernsehen, essentiell auf Anzeigen angewiesen, die nun massiv ins Internet abwandern. Mehr Wachstumskritik in den Medien wird daran auch nichts ändern, obwohl sie wünschenswert wäre. Aber derlei findet ja längst anderswo statt, zum Beispiel in zahlreichen Blogs und Online-Medien wie http://anderewirtschaft.arianeruediger.de

Bibliographie: Ferdinand Knauß: Wachstum über Alles? Wie der Journalismus zum Sprachrohr der Ökonomen wurde. Oekom-Verlag 2016, broschiert, 191 Seiten, 24,95 Euro